In der Topographie des Terrors eröffnete "Berlin 1933"

Kreuzberg. Männer stehen mit erhobenen Händen an einer Wand. Ein Bewacher richtet ein Gewehr auf sie. Ein Bild aus dem März 1933.

Es entstand entweder im Columbiahaus, nahe des Flughafens Tempelhof, oder im sogenannten "Gutschow-Keller" in der Friedrichstraße 234. Zwei Gefangenen- und Konzentrationslager, die die Nazis schon kurz nach ihrer "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 einrichteten und dort mehrere hundert politische Gegner einsperrten, folterten und umbrachten.Zu sehen ist diese Aufnahme neben vielen weiteren Fotos und Zeitdokumenten in der Ausstellung "Berlin 1933", die am 30. Januar von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Stiftung Topographie des Terrors, Niederkirchner Straße 8, eröffnet wurde. Die Schau an historischem Ort, von 1933 bis 1945 befanden sich hier die Hauptquartiere von SS, Gestapo und Reichssicherheitshauptamt und damit die Terrorzentrale des Dritten Reichs, zeichnet nach, wie es Hitler und der NSDAP gelang, ihre Macht innerhalb weniger Wochen zu festigen. Sie erreichten das durch Rechtsbeugung, Repressionen und Verhaftungen.

Und erleichtert wurde ihnen der Weg zur totalitären Herrschaft auch durch die Passivität und nicht selten sogar Begeisterung großer Teile der Bevölkerung. Gerade dafür finden sich zahlreiche Beispiele in der Ausstellung, auch einige aus Kreuzberg oder Friedrichshain. Zu sehen ist etwa ein Foto aus der damaligen Camphausen-, der heutigen Körtestraße aus dem März 1933. Nahezu jedes Haus ist dort mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Und das bereits gut vier Wochen nach Hitlers Machtantritt. Aus der Ehrenbergstraße in Friedrichshain stammt ein Foto von Anfang Mai 1933. In der dortigen städtischen Volksbibliothek wird sogenannte "Schundliteratur" abtransportiert. Sie landet auf dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz.

Erinnert wird auch an das Schicksal des Kreuzberger Bürgermeisters Dr. Carl Herz (1877-1951). Herz, Jude und Sozialdemokrat, wurde am 10. März 1933 von SA-Männern im Rathaus überfallen und seines Amtes enthoben. Sie schleiften ihn durch die Straßen und die Marheineke-Markthalle, zwangen den Bürgermeister in der Volksküche in der Riemannstraße Suppe zu essen, wobei sie ihm einen Löffel in den Hals stießen.

Carl Herz konnte 1939 nach London emigrieren. Sein jüngster Sohn wurde in Auschwitz ermordet. Herz starb 1951 in der israelischen Stadt Haifa.

Rund 80 000 Menschen, so die Schätzung, wurden allein 1933 verhaftet und in zunächst noch "wilde" Konzentrationslager gebracht. Das Columbiahaus und Gutschows-Keller waren dafür nur zwei Beispiele. Etwa 600 Menschen, so die Schätzung, fanden in solchen Lagern während der ersten Monate der Naziherrschaft den Tod. Andere wurden in den Selbstmord getrieben. Anhand von Kurzbiografien porträtiert die Ausstellung 36 dieser frühen Opfer. Vom Rechtswanwalt Max Alsberg über den Schauspieler Hans Otto bis zum Wahrsager Jan-Eric Hanussen.

Gleichschaltung, Einschüchterung, Ausgrenzung. Unter diesem Dreiklang agierten die Nazis vom ersten Tag ihrer Machtübernahme und hatten ihre Herrschaft bereits nach einem halben Jahr weitgehend zementiert.

Die Ausstellung wird bis zum 9. November gezeigt. Die Öffnungszeiten sind täglich von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Thomas Frey / tf
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