Was Sie schon immer über Juden wissen wollten

Wer ist hier Jude? Prominentenraten in der Ausstellung. (Foto: Linus Lintner, Copyright: Jüdisches Museum)

Kreuzberg. Klischees und Stereotypen über Juden sind anscheinend nicht aus der Welt zu schaffen. Und selbst nach einem Besuch im Jüdischen Museum ist vielen Gästen manches unklar.

Aus den häufigsten Fragen, die in den vergangenen Jahren auf Zetteln oder in Gästebüchern hinterlassen wurden hat das Museum jetzt eine Ausstellung konzipiert. Ihr Titel: "Die ganze Wahrheit. Was Sie schon immer über Juden wissen wollten." Abgearbeitet werden in Exponaten, Dokumenten, Fotos und bewegten Bildern 32 Themenkomplexe. Ob alle Juden Bärte tragen gehört ebenso zu diesem Katalog wie die Frage, ob man Israel kritisieren darf.Endgültige Antworten werden allerdings nicht geliefert. Vielmehr unterschiedliche Annäherungen. Etwa bei der eigentlich alles entscheidenden Frage wer oder was ist eigentlich ein Jude? Die beste Definition dafür lieferte David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels. "Für mich ist jeder ein Jude, der meschugge genug ist, sich selbst einen zu nennen", wird er zitiert. Manche Orthodoxen sehen das um einiges strenger. Und inzwischen gibt es Firmen, die sich darauf spezialisieren, die jüdische Identität mittels Genetik zu bestimmen. Museumsdirektorin Cilly Kugelmann präsentiert ihr Testergebnis in der Ausstellung. "Urvolk Juden" ist darauf verzeichnet. Daneben liegt Kugelmanns aufgemalter Stammbaum mit zahlreichen im Holocaust ermordeten Familienmitgliedern.

Der Umgang mit diesem Menschheitsverbrechen wird ebenfalls thematisiert. Darf man darüber Witze machen? In den USA ist das möglich, wie Ausschnitte aus Comedyshows zeigen. In Deutschland traut sich das nur der Komiker Oliver Polak. "Ich darf das, ich bin Jude", so Polaks Motto. Erlaubt oder geschmacklos, das bleibt auch hier dem Besucher überlassen. Er wird aber andere Fragen finden, bei denen er sich mit seiner Antwort leichter tut. Selbst der, ob Deutschland eine besondere Beziehung zu Israel hat. Neben Wegmarken aus den vergangenen 60 Jahren, vom Luxemburger Abkommen von 1952, dem erstem Akt einer Art von Wiedergutmachung, bis zum Staatsbesuch von Bundespräsident Joachim Gauck im vergangenen Jahr in Israel, findet sich hier auch ein Bild zweier Damen aus den 1950er Jahren. Es handelt sich bei ihnen um Sara Tal, Miss Israel und Martina Osidel, Miss Germany, die bei einem Schönheitscontest aufeinander trafen. Sara Tal hatte sich zunächst hartnäckig geweigert, zusammen mit der deutschen Kollegin abgelichtet zu werden. Für ihre Nachfolgerinnen heute ist so ein Foto wahrscheinlich kein Problem mehr.

Nicht nur dieses Beispiel steht für ein nicht alltägliches Herangehen, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Der Besucher wird mit Unerwartetem konfrontiert. Der Zugang erfolgt durch Ironie. Etwa, indem auf die Frage, ob Frieden zwischen den Religionen möglich ist ein Parfüm namens "moslbuddjewchristhindao" präsentiert wird. Auf die Spitze getrieben wird die Persiflage durch einen "echten Juden" in einem Glaskasten. Er fungiert dort auch als Erklärer möglicherweise noch immer vorhandener Unklarheiten. Mit dieser Aktion wird die Kritik aufgespießt, nach der Jüdische Museen einen exhibitionistischen und voyeuristischen Anspruch bedienen.

Wobei am Ende erneut die Gretchenfrage vom Anfang nach der jüdischen Identität steht. Von der Decke baumeln die Fotos berühmter Persönlichkeiten. Marilyn Monroe zum Beispiel. Sie trat 1956 durch ihre Heirat mit Arthur Miller zum Judentum über. David Beckham ist eine Art "Jude der Herzen". Er hat mosaische Vorfahren, sein Sohn heißt Brocklyn, nach dem bei Juden beliebten Stadtteil in New York und er ist beschnitten. Letzeres gilt, auch wenn er kein Jude ist, für den britischen Thronfolger Prinz Charles. Aber ausgeführt wurde dieses Ritual natürlich von einem jüdischen Experten.

Spätestens diese Promiparade zeigt, wie fließend die Grenzen sind. Oder, um es mit einem anderen Spruch der Ausstellung zusammen zu fassen. "Sind wir nicht alle ein bisschen jüdisch?"

"Die ganze Wahrheit..." wird bis 1. September im Jüdischen Museum gezeigt. Geöffnet ist täglich von 10 bis 20, Montag bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet sieben, ermäßigt 3,50 Euro.


Thomas Frey / tf
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