Kinder von der Straße: Die Diakonie erweitert ihre Unterkunft für obdachlose Familien

Zwei Einzelbetten und ein Stockbett: das Vorzeigezimmer in der Obdachloseneinrichtung für Familien in der Wrangelststraße 12. (Foto: Thomas Frey)
 
Noch kindgerechter ist dieser Raum ausgestattet. (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Wrangelstraße 12 |

Kreuzberg. Ein Zimmer scheint noch unbewohnt. Aber nicht mehr lange, lässt Christiane Bertelsmann durchblicken. Er sei eigentlich nur zwecks Besichtigung an diesem Tag freigehalten worden.

Die Sprecherin des evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte führt anlässlich der Eröffnung des zusätzlichen Notunterkunftsangebots des Diakonischen Werks am 8. November durch die Räume in der Wrangelstraße 12. Dort gibt es jetzt 30 Plätze für eine ganz bestimmte Zielgruppe – obdachlose Familien mit Kindern.

Sie dürfte und sollte es bei Menschen ohne festen Wohnsitz eigentlich gar nicht geben. Aber es gibt sie und nicht erst seit gestern. Weitaus schwieriger geworden sei es aber in Zeiten von knappem Wohnraum, nicht nur diese Betroffenen irgendwo unterzubringen. Dabei könne es überhaupt nicht angehen, wenn Kinder einem Leben auf der Straße überlassen werden. Auch die meisten herkömmlichen Notquartiere wären kein adäquater Ort für Heranwachsende. Da waren sich bei der Einweihung in der Wrangelstraße alle Redner einig: von Bildungs-, Jugend- und Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) über Alexander Fischer (Linke), Staatssekretär für Arbeit und Soziales, bis zu Friedrichshain-Kreuzbergs Bürgermeisterin Monika Herrmann (Bündnis 90/Grüne). Umso mehr Dank und Anerkennung gab es für die Diakonie und ihrem in dieser Form bisher einzigartigen Angebot in Berlin.

In der Unterkunft gibt es zehn Zimmer, alle so ähnlich eingerichtet wie der Vorführraum. Er ist mit zwei Einzelbetten und einem Stockbett ausgestattet. Anders als in den meisten anderen Obdachloseneinrichtungen können die Familien auch tagsüber bleiben. Für ihre Verpflegung ist ebenfalls gesorgt.

In der Regel soll der Aufenthalt maximal drei Wochen dauern. Während dieser Zeit wird der weitere Hilfsbedarf abgeklärt und eine neue Unterkunft gesucht. Dabei könne es sich auch um ein Übergangsheim handeln, sagt Christiane Bertelsmann. Aber niemand werde erneut auf die Straße gesetzt. Die Gründe, warum jemand dort das aktuell alternativlose Dach über dem Kopf findet, sind vielfältig: das Kündigen der bisherigen Wohnung und keine Aussicht auf eine neue, Überschuldung, häusliche Gewalt, Zuwanderung ohne eine Aussicht auf eine reguläre Bleibe.

Bei den aktuellen Bewohnern handelt es sich nach erstem Anschein vor allem um Frauen mit mal nur einem, mal mehreren Kindern. Auch sie haben den Weg in die Wrangelstraße auf unterschiedliche Weise gefunden. Manchmal direkt, teilweise über ein Amt oder nach Hinweisen von anderer Stelle. "Etwa von einer Schule", erzählt die Sprecherin. "Die hatte gemeldet, dass ein Kind mit seiner Familie in einem Auto übernachtet."

Finanziert wird die Einrichtung durch die Senatsverwaltungen für Integration, Arbeit und Soziales sowie Bildung, Jugend und Familie. Parallel dazu läuft ein Evaluationsprojekt, das den Bedarf, die Schwierigkeiten und damit verbundene Erfordernisse für wohnungslose Familien ermitteln soll.

Ein Ergebnis kann schon jetzt vorweggenommen werden. Es braucht nicht nur mehr Wohnungen, sondern zusätzlich solche Hilfsangebote. Bei denen für Familien peilt der Senat ein Aufstocken auf 100 Plätze an.

Nicht nur das müsse schnell passieren, mahnte Monika Herrmann. "Bauen, bauen, bauen" sei deshalb die vordringlichste Aufgabe. Und das auch dort, wo solche Vorhaben auf Protest stoßen würden. tf
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