Lichtenberg erinnert an die kommunistische Spionin Ilse Stöbe

Sabine Kebir forschte über Ilse Stöbe. (Foto: Wrobel)
 
Bei der Tafelenthüllung: (v.l.) Prof. Dr. Freifrau Elke von Boeselager, Leiterin des Politischen Archivs im Auswärtigen Amt, MdB Gesine Lötzsch (Linkspartei), Dr. Hans Coppi, Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Manfred Becker, Kulturausschussvorsitzender und die Kulturstadträtin Kerstin Beurich (SPD). (Foto: Wrobel)

Lichtenberg. Als Mitarbeiterin im Auswärtigen Amt spionierte Ilse Stöbe für den Nachrichtendienst der Roten Armee und wurde dafür von den Nationalsozialisten hingerichtet. Lange Zeit war ihr Widerstand umstritten. Jetzt wird mit einer Gedenktafel in der Frankfurter Allee 233 an die Spionin erinnert.

"Ilse Stöbe führte ein Doppelleben", weiß Sabine Kebir. Die Politikwissenschaftlerin setzte sich mit der Geschichte der Spionin im Buch "Ilse Stöbe: Wieder im Amt" auseinander. "Ich staune noch immer über diese ungeheure Disziplin, sich im Alltag zu verstellen", sagt Kebir.

Stöbe arbeitete in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes, war Mitglied der NSDAP – eine Tarnung, die ihre Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst GRU erforderte. Die attraktive, kommunistische Spionin lieferte dem Geheimdienst die entscheidende Information über den kurz bevorstehenden Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion. Doch ihre Warnung verhallte ungehört. Erst nachdem die Deutschen in die UdSSR einmarschiert waren, versuchte der Geheimdienst den Kontakt wieder aufzunehmen. Dieser Versuch führte zur Verhaftung. Ilse Stöbe wurde am 14. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht wegen Landesverrats zum Tode verurteilt. Adolf Hitler hatte noch persönlich eine Begnadigung abgelehnt. Die junge Frau wurde mit 31 Jahren mit dem Fallbeil in Plötzensee hingerichtet.

Mit einer Gedenktafel wird der Lichtenbergerin Ilse Stöbe an ihrem früheren Wohnort an der heutigen Frankfurter Allee 233 gedacht. "Damit erfährt sie eine würdigende Beachtung", sagte Kulturstadträtin Kerstin Beurich (SPD) bei der Enthüllung der Gedenktafel Mitte November.

Die öffentliche Würdigung von Ilse Stöbe als Person des Widerstands war bis vor wenigen Jahren umstritten. "Jahrzehntelang galt Stöbes Handeln im Auswärtigen Amt als Verrat", formulierte Außenminister Frank Walter Steinmeier in einer Rede im Juli 2014 anlässlich der Würdigung von Ilse Stöbe im Auswärtigem Amt. Denn das Amt ehrte bis dahin zwar die Verschwörer und die Mitwisser des 20. Juli, ignorierte bis dahin aber Menschen wie die Lichterberger Spionin. "Dass sie der kommunistischen Sowjetunion Informationen zulieferte, ließ ihre Taten für viele im Nachhinein umso verwerflicher erscheinen", ergänzt Steinmeier.

Eine Würdigung des Widerstands der jungen Spionin fand auch deshalb nicht statt, weil eine Neubewertung ihrer Tätigkeit und ihrer Motive schlicht durch die schlechte Quellenlage verhindert wurde. Bis heute sind viele Akten des Geheimdienstes in Moskau deutschen Forschern unzugänglich. Es existieren nur wenige Briefe der jungen Frau: "Haltet die Augen offen, macht euch nichts vor", schrieb sie in einem ihrer Briefe 1941 warnend an die sowjetische Botschaft.

Die Gedenktafel ehrt auch Ilse Stöbes Halbbruder, Kurt Müller. Das KPD-Mitglied arbeitete für die Widerstandsgruppe "Europäische Union" und wurde wegen Hochverrats angeklagt und ermordet. Die Mutter, Frieda Stöbe, half Menschen jüdischer Herkunft. Sie wurde 1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, kam dort 1944 um. Mit ihrem Tod ist die Familie Stöbe ausgelöscht. KW

Das Buch "Ilse Stöbe: Wieder im Amt" der Autoren Sabine Kebir und Hans Coppi ist im VSA-Verlag erschienen. Weitere Informationen gibt es unter www.vsa-verlag.de.
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