Citizen Art Days 23.-29 Mai 2016

Berlin: ehem. Stasi-Gelände | Die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zwingen alle Gemeinschaften und Institutionen zur Erneuerung. Die vom Scheitern bedrohte Demokratie Europas ist an einem Wendepunkt. Dringend notwendig ist der Spagat zwischen dem Schutz und der Erweiterung der sozialen Prozesse durch die Beteiligung von uns Bürgern. Die Kunst kann Modelle entwickeln, welche die Hebelfunktionen für wirklichen Wandel zeigen.

Wie kann Demokratie in der nahen Zukunft stattfinden und welche Qualitäten wird sie auszeichnen? Wie gelingen mehr Beteiligung und Selbstverwaltung der Bürger in einer transparenten Demokratie? Wie können drohende Formen der Gewalt eines wirtschaftsorientierten Absolutismus mit seinen Machtverwerfungen abgewendet werden? Was können wir aus der Vergangenheit lernen? Und welche Rolle können künstlerische Methoden und Strategien spielen? Wie kann der »Campus für Kunst und Demokratie« als eine gemeinschaftlich zu formende soziale Plastik die gelingende Demokratie der Zukunft miterstreiten?

Die CAD bieten Vorträge, Dialogformen, Aktionen und Performances, Diskussionen sowie Stadterkundungen und verstehen sich als ein Entpolarisierungsformat, das dem zunehmenden Auseinanderdriften gesellschaftlicher Räume und damit der Erosion des Öffentlichen als Ort sozialer Kommunikation und Vollzug demokratischer Prozesse in einem konzentrierten Rahmen entgegenwirkt. Die CAD vernetzen Spezialisten und Akteure, verbinden Kunst- und Alltagspraxis, regen Bürgerbeteiligung an und fördern die Aneignung, den Schutz und die Gestaltung öffentlicher (Denk-)Räume.

Die CAD setzen sich 2016 vertiefend mit der Frage der Gestaltung von Demokratie auseinander. Im historischen Offizierskasino des MfS, als einem mehrdeutigen Ort einerseits der SED-Diktatur und andererseits der Friedlichen Revolution, laden die CAD Lichtenberger*innen und interessierte Bürger*innen ein, mit künstlerischen Methoden ihre Teilnahme und Teilhabe an der Formung des gemeinsamen Öffentlichen und dem Umbau unserer Gesellschaft zu erproben. Ziel ist es, dass sich diese Mitgestaltung für jeden Bürger zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt und sich im Alltag jedes Menschen weiter entfalten kann.

Mit den Citizen Art Days 2016 werden Bürger*innen der Nachbarschaft eingeladen, die räumliche Nähe zum vom Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) Roland Jahn für die Zukunft vorgeschlagenen »Campus für Demokratie« zu nutzen, um sich schon heute an der Entwicklung eines solchen utopischen »Lernortes für Demokratie« aktiv zu beteiligen. Lokale Initiativen sind direkt angesprochen und involviert.

Das ehemalige Offizierskasino als Laboratorium


Als »Feldherrenhügel« betitelte man zu DDR-Zeiten das ehemalige Offizierskasino der Staatssicherheit – um dauerhaft an das Treiben dieser »Herren« zu erinnern, ist hier von der BStU eine umfangreiche Bibliothek mit Lesesaal und Veranstaltungsräumen geplant. Wir Künstler*innen der CAD freuen uns, dass wir schon heute mit den CAD die Möglichkeit haben, diesen Ort aus dem Feld der Kunst heraus in einen modellhaften Lernort für die Demokratie der Zukunft zu verwandeln. Der »Campus für Kunst und Demokratie« der Citizen Art Days steht allen Beteiligten sieben Tage mit dem Haus 22 als Laboratorium und offenes Studio zur Verfügung.

Die CAD bringen lokale Initiativen mit Künstler*innen, Akteuren und Vordenkern aus unterschiedlichen Sparten zusammen, um an drei Schwerpunkten zu arbeiten: Erinnerung und Zukunft – Inklusive Demokratie – Selbstermächtigung und Bereitschaft zur Demokratie. Die drei Themenfelder sind eng miteinander verflochten.

Mit ihrem »Tohubassbuuh«, einem überdimensionierten mobilen Megafon auf einem Fahrrad, lässt das Künstlerduo bankleer am Eröffnungsabend mit einem performativen Stadtspaziergang historische Skulpturen, Sounds und Texte über Flucht und deren Hintergründe auf die Gegenwart prallen. Die Künstler stellen so neue Beziehungen zwischen öffentlichem Raum, politisch-ökonomischen (Un-)Ordnungen und den darin agierenden Menschen her.

Über die gesamte Dauer der Citizen Art Days sind im Foyer von Haus 22 verschiedene Beiträge zu sehen. Unter anderem das Video »Was ist Demokratie?« von Oliver Ressler und ein Video über die Aktivitäten von Cucula: Das Berliner Projekt hat sich seit 2014 zu einem realen Betrieb entwickelt und produziert als Manufaktur Designmöbel nach den Entwürfen von Enzo Mari. Die gemeinsame Produktion eröffnet Geflüchteten die konkrete Perspektive, sich ihren Aufenthalt zu sichern und ihre Ausbildung selbst zu finanzieren.

Von Dienstag bis Donnerstag finden am Nachmittag Workshops statt. In dem derzeit entstehenden und mobil angelegten Nachbarschaftsgarten vor der Notunterkunft für Geflüchtete in der Ruschestraße 104 wird am Dienstag ein Workshop zum Bauen von Gartenmöbeln stattfinden. Zusammen mit interessierten Nachbarn und Spezialisten lädt »Parallele Welten« dort am Freitag zu einem Gartenforum ein, um Visionen und Wünsche für die Zukunft dieses »Transitgartens« zu entwickeln sowie mit Pflanz-Aktionen gemeinschaftsbildend zu wirken. Das »Atelier Global« der Reinigungsgesellschaft findet bereits seit Februar einmal wöchentlich in der Notunterkunft statt. Zu den CAD wird das »Atelier Global« am Mittwoch die Installation »Unser Haus lernt sprechen!« umsetzen. Mit ihrem Langzeitprojekt »Hoffst Du?« wird die Künstlerin Karen Packebusch in Lichtenberg aktiv. So einfach die von ihr gestellten Fragen erscheinen mögen, so erstaunlich umfassend sind die Antworten.

Vorträge und Gespräche finden an den Abendterminen statt. Daniel Bax von der taz, der Kolumbianer José Lino Albino Barbosa oder die Künstler Libia Castro und Ólafur Ólafsson sind nur einige der Gäste. Einen Schwerpunkt bildet am Freitagabend der Dialog zwischen Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, und Cesy Leonard vom Zentrum für Politische Schönheit. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem von Jahn für die Zukunft vorgeschlagenen »Campus für Demokratie« auf dem ehemaligen Stasi-Gelände: Welche Rolle könnte die Kunst in ihm spielen?

Als besonderes Highlight ist es möglich, von Montag bis Donnerstag jeweils um 18 Uhr an einer einstündigen Führung teilzunehmen, die Einblicke in das ehemalige Gelände der Stasi und in das Archiv gibt. Um Anmeldung wird gebeten.

Der Samstag ist angefüllt mit verschiedenen Möglichkeiten der Beteiligung. Sechs Ausgangsfragen zur Gestaltung der Demokratie und des Campus werden an sechs Tischen von Experten, Künstlern, Aktiven aus lokalen und politischen Institutionen moderiert. Seien Sie mit dabei und entwickeln Sie zusammen mit allen Interessierten Modelle des Zukünftigen! Im Anschluss findet nach einer Idee von John Cage ein »Untitled Event« statt, an dem sich jeder mit Ideen beteiligen kann.

Die Messe der unbekannten Fähigkeiten am Samstag- und Sonntagnachmittag wird von Henrik Mayer von der Künstlergruppe Reinigungsgesellschaft organisiert. Geflüchtete zeigen ihre Möglichkeiten an Ständen im Hof des Geländes.

Die Berliner Textilkünstlerinnen Susann Bartsch und Silke Bauer sehen Möglichkeiten der Selbstermächtigung in der Entwicklung neuer Ausdrucksformen der Transkulturalität. Sie bieten an, gemeinsam Fahnen für die Demokratie zu nähen. Kefei Cao, Tanzpädagogin und Regisseurin aus Shanghai, wird bei den CAD einen Tanz-Workshop für deutsche und Flüchtlinge präsentieren.

Am Sonntag, dem letzten Tag der CAD, werden Elfi Müller vom Büro für Kunst und öffentlichen Raum und der Kurator und Künstler Oscar Ardila im U-Bahnhof Magdalenenstraße eine performative Führung anbieten.

Im Anschluss sind alle herzlich eingeladen, zum Brunch ins Haus 22 zu kommen. Ein Feedback und Visionen für die Zukunft der Citizen Art Days und des »Campus für Kunst und Demokratie« werden abschließend in einer Gesprächsrunde sichtbar. Gerd Herklotz, der Leiter des Chors für Flüchtlinge und Deutsche, ist anwesend und gemeinsam singend können wir den Dialog der Kulturen erweitern und die Citizen Art Days ausklingen lassen.

Liebe Berliner*innen und Lichtenberger*innen, Berliner Besucher*innen, in Initiativen bereits Aktive, Flüchtlinge und Neue Bürger*innen in Deutschland, Künstler*innen, Freischaffende, Berufstätige, Schüler*innen, Erwerbslose, Rentner, Auszubildende oder Studenten und Studentinnen – bringen Sie sich ein und nehmen Sie teil.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

www.CitizenArtDays.de
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