Interview mit Jugendamts-Mitarbeiterin Tamara Romeyke

Lichtenberg. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kümmert sich Tamara Romeyke als eine von 46 Mitarbeiterinnen im Jugendamt um den Schutz der Kinder in Lichtenberg. Berliner Woche-Reporterin Karolina Wrobel sprach mit Tamara Romeyke über ihre Arbeit.

Sollte man als Fremder eingreifen, wenn ein Kind in der Öffentlichkeit eine Ohrfeige bekommt? Die Erziehung von Kindern ist doch Sache der Eltern ...


Tamara Romeyke: Erwachsene sollten stets eingreifen, wenn einem Kind körperliche oder seelische Gewalt angetan wird. Dazu gehört jedoch Courage. Nicht selten sind Beobachter unsicher, ob sie überhaupt das Recht haben, sich einzumischen. Tatsächlich geht es hier um das Recht des Kindes. Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, das ist gesetzlich festgelegt. Körperliche Bestrafung, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind verboten. Wer sich unsicher ist, kann sich an die Hotline Kinderschutz wenden. Unter der Telefonnummer 61 00 66 sind Experten rund um die Uhr erreichbar, hier kann man sich beraten lassen und konkret mitteilen, welche Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen. Das Telefongespräch können Anrufer auch anonym führen.


Ist der Eindruck richtig, dass die Zahl der Missbrauchsfälle von Kindern steigt?


Tamara Romeyke: Fälle von misshandelten und emotional oder sexuell missbrauchten Kindern hat es sicherlich auch schon früher in dem Ausmaß gegeben, nur werden uns heute mehr Fälle bekannt. Das hat sicher auch mit der veränderten Sensibilität der Öffentlichkeit zu tun. Gingen im Jahr 2012 noch 561 Mitteilungen über eine Kindeswohlgefährdung in Lichtenberg ein, waren es im Jahr 2013 schon 716. Oft rufen Bekannte der Familie oder Verwandte an. Die meisten uns bekannten Fälle im Jahr 2013 bezogen sich auf häusliche Gewalt und die Vernachlässigung von Kindern, dann folgen körperliche, psychische und schließlich sexuelle Misshandlungen.


Was sind die Ursachen dafür, dass Kinder in Familien vernachlässigt werden?


Tamara Romeyke: Eine schlechte Einkommenssituation, Drogen- oder Alkoholsucht der Eltern, aber auch überlastete Alleinerziehende: Es gibt viele Risikofaktoren dafür, dass Kinder vernachlässigt werden. Selten ist nur ein Faktor schuld. Familien, die Transferleistungen beziehen, sind in der Statistik zwar am häufigsten vertreten. Doch dahinter steckt kein Automatismus.


Das Jugendamt hat die Aufgabe, die Familie zu unterstützen und Kinder zu schützen. Wann und wie reagieren Sie bei einem Verdachtsfall?


Tamara Romeyke: In Berlin gibt es ein einheitliches Verfahren. In der Regel sprechen wir noch am selben Tag, an dem uns ein Verdacht erreicht, mit den Eltern. Wir schauen uns das Kind an. Bestätigt sich der Verdacht der Kindeswohlgefährdung, bemüht sich das Jugendamt mit den Eltern zu klären, was zu tun ist.


Das Jugendamt kämpft mit dem Image, es würde Kinder den Familien "wegnehmen". Wie überzeugen Sie Eltern zur Zusammenarbeit?


Tamara Romeyke: In manchen Fällen muss ein Kind unmittelbar vor weiteren Misshandlungen geschützt werden. Dann nimmt das Jugendamt das Kind in Obhut - nicht ohne jedoch den Eltern Lösungen aufzuzeigen. Es bleibt immer Ziel, die Trennung zwischen den Eltern und dem Kind so kurz wie möglich zu halten. Wir gehen stets davon aus, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Die meisten Mütter und Väter entscheiden sich für eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt.


An wen können sich Familien wenden, wenn sie von sich aus Hilfe in Anspruch nehmen wollen?


Tamara Romeyke: Nicht jede Hilfe muss vom Jugendamt geleistet werden. Im Bezirk Lichtenberg gibt es fünf Stadtteilzentren und Kieztreffs. Die geben eine Übersicht, welche Hilfen von anderen Einrichtungen oder Vereinen im Angebot sind. In Schulen helfen wiederum Sozialarbeiter den Betroffenen weiter. Fragen zur Erziehung oder zu Konflikten in der Partnerschaft beantworten die Experten in den Erziehungs- und Familienberatungsstellen. Zu Fragen der finanziellen Absicherung wie Unterhalt, Unterhaltsvorschuss, Elterngeld sowie Betreuungsgeld können sich Eltern an den Bereich der kindschaftsrechtlichen Beratung und Vertretung des Jugendamtes wenden.


Karolina Wrobel / KW
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