Janusz-Korczak-Haus bietet Familien in Not eine Alternative

(Foto: Wrobel)

Lichtenberg. Um die Heimunterbringungen von Kindern, Jugendlichen und Familien ist im Bezirk eine Kostendebatte entbrannt. Denn Heime sind teuer. Doch auf individuelle Hilfe sind viele Familien angewiesen, wie das Beispiel Janusz-Korczak-Haus zeigt.

"Unser Ziel ist es, die Familie zusammenzuhalten", sagt Anja Beuster. Die Erzieherin erlebt tagtäglich, wie Kinder auf unterschiedlichste Weise vernachlässigt werden: Wenn nur selten warmes Essen auf den Tisch kommt. Wenn Eltern sich überhaupt nicht um die Heranwachsenden kümmern. Oder wenn einer Mutter komplett der Sinn dafür fehlt, was ihr Kleinkind in Gefahr bringt: Türen, Tischkanten, Steckdosen. Häufige Folge von Vernachlässigung sind Kinder, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind und Probleme in der Schule haben. Das Jugendamt muss reagieren. Nicht selten entscheidet man dort, dass ein Heim die bessere Alternative zum eigentlichen Zuhause ist. Ein solches Heim ist das Janusz-Korczak-Haus in der Erich-Kurz-Straße.

Anja Beuster leitet dort das Familienprojekt "Allesamt". Es bietet Eltern eine Stütze und Anleitung bei der Erziehung der Kinder. Denn im Janusz-Korczak-Haus leben nicht nur über 120 Jugendliche, sondern auch einige Familien. "Die meisten Familien sind für etwa ein Jahr bei uns", erzählt Beuster. Derzeit bewohnen fünf Familien mit kleinen Kindern eine Etage des großen Plattenbaus. Ein kleines möbliertes Zimmer bietet jeder von ihnen einen akzeptablen Wohnstandard.

Gemeinsam mit den Betreuern erarbeiten die Eltern einen Tagesablauf, der vom Pausenbrot-Schmieren für die Kinder bis zum abendlichen Duschen reichen kann. "Es geht um einen strukturierten Tagesablauf. Wir beobachten, greifen nur da ein, wo es notwendig ist. Die Verantwortung liegt weiterhin bei den Eltern", sagt Erzieherin und Projektleiterin Beuster.

Für den Lebensunterhalt müssen die Eltern selbst sorgen. "Die Unterbringung der Kinder wird zwar finanziert, die der Eltern jedoch nicht", berichtet Beuster. Weil viele Erwachsene Transferleistungen beziehen oder sogar ein Schuldenberg drückt, steht die Hilfe durch das Projekt "Allesamt" für manche Familien immer wieder auf der Kippe. Anja Beuster kennt die schwierigen Verhandlungen mit dem Jobcenter allzu gut: "Wenn die Familie bei uns wohnt, sei sie ja auf eine eigene Wohnung nicht angewiesen, heißt es dann. Wir müssen dann jedes Mal erklären, dass die Wohnung wichtig ist, damit die Familie dorthin zurückkehren kann. Das bleibt ja unser Ziel." Doch immer wieder stoßen Familien und Helfer an Grenzen: bei Ämtern und Behörden, bei der Finanzierung der individuellen Projekte.

Das Bezirksamt Lichtenberg beklagt ein Defizit von über zwei Millionen Euro, die im Jahr 2013 aufgrund der teuren Heimunterbringung zu viel für die Jugendhilfe ausgegeben wurden. Künftig sollten die Jugendamtsmitarbeiter einmal mehr zum Telefon greifen, um doch noch einen billigeren Heimplatz zu finden, wünschte sich Bürgermeister Andreas Geisel (SPD) noch zu Beginn des Jahres. Als Finanzstadtrat steht er wegen der Defizite unter Druck. "Ich verstehe die Zwänge der Behörden. Und es gibt durchaus Preisunterschiede bei den Freien Trägern", sagt Gabriele Posselt, Leiterin des Janusz-Korczak-Hauses in der Trägerschaft des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks. "Doch es ist eine schwierige Entwicklung, wenn marktwirtschaftliche Erwägungen zu sehr die fachlichen Inhalte beeinflussen."

Eine gute Heimunterbringung ist nicht zuletzt personalintensiv - auf rund 125 Jugendliche im Janusz-Korczak-Haus kommen etwa 100 Mitarbeiter, vom Hausverwalter bis zum Psychologen. "Unsere Aufgabe kann es nicht sein, möglichst billig zu arbeiten", sagt der Diplompädagoge Jörg Schäpe, der den Bereich Jugendwohngruppen im Korczak-Haus leitet. "Es sollte immer um die Frage gehen: Welche Fachleute brauchen wir für welche Aufgabe?" Schäpe sieht das Land Berlin in der Pflicht, ausreichend Mittel für die Hilfen zur Verfügung zu stellen. Das derzeit angewendete Zuwendungsmodell sei nicht optimal.

Wäre es sinnvoller, die Höhe der finanziellen Hilfe vom Erfolg der Heimunterbringung abhängig zu machen? "Wir haben im Jahr 2013 mehr als 50 Jugendliche in ihre Familien zurückkehren lassen", bilanziert Posselt. "Wir wissen aber noch nicht, wie nachhaltig diese Erfolge sein werden."

Fraglich sei vielfach, ob die Jugendlichen mit ihren Eltern zu einem gesunden Familienleben zurückfinden. Auf die Hilfe, die sie auf den richtigen Weg bringen soll, haben sie allerdings einen Rechtsanspruch.


Karolina Wrobel / KW
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