Medizin im Fünf-Minuten-Takt: Studie belegt Ärztemangel in Lichtenberg und Neukölln / Bezirkspolitiker fordern mehr Mitsprache

Falko Liecke und Katrin Framke stellten die Studie zum Ärztemangel vor. (Foto: Berit Müller)
 
Krankenhäuser haben medizinische Versorgungszentren - wie die ehemalige Polyklinik am Tierpark. (Foto: Berit Müller)

Lichtenberg. Auf den ersten Blick könnten die Bezirke Lichtenberg und Neukölln kaum unterschiedlicher sein. Doch gibt es Gemeinsamkeiten. Die schlechte Versorgung mit Arztpraxen beispielsweise. Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Studie, vorgelegt von der Lichtenberger Gesundheitsstadträtin Katrin Framke (für Die Linke) und ihrem Neuköllner Kollegen Falko Liecke (CDU).

Seit 2008 arbeitet Kinder- und Jugendfacharzt Dr. Steffen Lüder in seiner Praxis am Prerower Platz. In den ersten Jahren behandelte er dort im Schnitt 900 junge Patienten pro Quartal. Inzwischen sind es im gleichen Zeitraum bis zu 1700. Tendenz steigend. „Ich hatte letztens in sechseinhalb Stunden Sprechzeit 82 Kinder in meiner Praxis“, erzählt Lüder. „Das ist Medizin im Fünf-Minuten-Takt.“

Der Facharzt berichtet, dass im Neu-Hohenschönhausener Wohnviertel heute rund 40 Prozent mehr Kinder und Jugendliche leben als vor zehn Jahren, die Zahl der Fachärzte für den Nachwuchs aber gesunken sei. „Die Eltern finden keine Ärzte für ihre Kinder, und wir Mediziner bewegen uns im Hamsterrad. Uns macht das keinen Spaß.“

Das Beispiel ist kein Einzelfall. „Der Ärztemangel zählt zu den Themen, auf die ich am häufigsten angesprochen werde“, sagt Katrin Framke, Stadträtin für Gesundheit in Lichtenberg. Weil es dem Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke ähnlich geht, haben sich beide zusammengetan.

Im Bunde mit dem Lichtenberger Sana Klinikum und dem Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge gaben sie vor gut einem Jahr eine Studie in Auftrag. Das Ziel: erstmals aktuelle und belegbare Fakten zur tatsächlichen Versorgungslage in den beiden Bezirken zu bekommen. Erstellt vom Forschungsinstitut IGES ist das Papier nun da – mit Zahlen, die den Ärztemangel beweisen. Sowohl in Lichtenberg als auch in Neukölln gibt es zu wenige Haus-, Kinder-, Frauen- und Augenärzte, Orthopäden und Psychotherapeuten.

Die Anzahl der niedergelassenen Ärzte ist jeweils so unzureichend, dass circa 40 bis 50 Prozent der Einwohner Fachpraxen in anderen Bezirken aufsuchen. Regionen mit den größten Defiziten in Lichtenberg sind Neu-Hohenschönhausen, Malchow, Wartenberg, Falkenberg und Friedrichsfelde Nord. Überall ähnelt sich die Sozialstruktur: viele Kinder und Jugendliche auf der einen, immer mehr hochbetagte Menschen auf der anderen Seite.

Ein gesamtberliner Phänomen ist der Ärztemangel nicht. In Steglitz-Zehlendorf praktizieren genug Orthopäden, Augenheilkundler, Therapeuten. „Mediziner lassen sich gern nieder, wo Geld ist“, sagt Katrin Framke und nennt strukturelle Gründe für die Misere. „Die Bezirke wissen am besten, wo Ärzte fehlen, dürfen aber nicht mitreden, wenn es um die Verteilung der Arztsitze geht.“

In der Tat regelt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Versorgung mit ambulant praktizierenden Medizinern – sie lässt nur eine gewisse Anzahl zu und fasst die Hauptstadt als eine Planungsregion zusammen. Das heißt: Weder Sozialstruktur noch demografische Entwicklungen in den einzelnen Bezirken werden berücksichtigt. Bei verfügbaren Kapazitäten können sich Ärzte aussuchen, wo sie sich niederlassen.

Diese Praxis führe zum Ungleichgewicht, kritisiert die Gesundheitsstadträtin. Nicht zuletzt monieren die Auftraggeber der Studie die Bedarfsplanung der KV. Sie lege Zahlen zugrunde, die völlig veraltet seien. Katrin Framke: „Diese Planung stammt aus den frühen 1990er-Jahren, sie spiegelt nicht die Wirklichkeit wider. Lichtenberg ist heute ein schnell wachsender Bezirk. Das war damals überhaupt nicht abzusehen.“

Mehr Mitsprache

„Wir brauchen eine kleinräumigere Steuerung, mehr Mitsprache und Rücksicht auf den Bedarf der Bezirke“, sagt auch Falko Liecke. „In Neukölln wird die Lage immer dramatischer. Berlin wächst, die Ärzteversorgung nicht. Ich habe den Eindruck, die KV nimmt unser Problem nicht ernst. Letztlich führt es dazu, dass die Leute in ihrer Not die Rettungsstellen aufsuchen – was wiederum die Krankenhäuser vollkommen überlastet.“ Bei bloßer Faktenermittlung wollen es die Bezirkspolitiker nicht belassen. Sie haben konkrete Ideen und wollen selbst für Abhilfe sorgen.

Falko Liecke kann sich gut vorstellen, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) in kommunaler Hand zu gründen, um die Versorgungslücke zu schließen. Die dort beschäftigten Ärzte – mindestens zwei pro Zentrum müssten es sein – wären von der KV unabhängig. „Wir haben die Verantwortung und müssen eine vernünftige medizinische Infrastruktur schaffen.“ Ein Konzept ist in den Bezirken in Arbeit.

Katrin Framke befürwortet die Idee der kommunalen Gesundheitszentren. „Das könnte der richtige Weg sein“, sagt sie. Außerdem fordern beide Kommunalpolitiker, in den Entscheidungsgremien künftig mitreden zu dürfen, wenn es um die medizinische Versorgung in „ihren“ Bezirken geht. Sie wollen sich zügig an KV und Senat wenden. „Die brauchen wir als Partner im Boot.“ bm

Die Studie steht als Download bereit auf https://goo.gl/LrFvvB
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