Wenn die Räumung droht: Mieter kämpft gegen Wohnungslosigkeit

Im Bad gibt es nur eine Badewanne, kein Waschbecken. (Foto: Wrobel)
 
Kachelofen statt Zentralheizung. (Foto: Wrobel)

Lichtenberg. Soziale Härte ist auf dem Wohnungsmarkt Alltag. Im Weitlingkiez kämpfen Menschen gegen Verdrängung. Darunter ist auch ein Mieter aus der Metastraße.

"Was habe ich schon zu verlieren?", sagt der Mann und wird nachdenklich. Bevor er seine Geschichte erzählt, sagt er, brauche er die Zusicherung, dass er in der Zeitung anonym bleibt. Das Gerichtsverfahren laufe noch und er wolle sich durch die Veröffentlichung nicht selbst schaden. "Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, die Wohnung zu behalten", wird er lächelnd nachschieben. Etwa 50 Jahre alt ist er. Er redet höflich und unterstreicht Gesagtes gerne mit den Händen. Sein Zuhause ist der Kiez rund um die Metastraße. Dort bewohnt er eine Wohnung, seine Vermieterin ist die Deutsche Wohnen AG.

Über den Zustand der Wohnung gefragt, muss der Mann müde lächeln. "Ich habe damals den Mietvertrag zähneknirschend unterschrieben." Die Miete war ungewöhnlich niedrig, weil er die Wohnung erst mit eigenen Händen wohnlich machen musste. Doch ihm war das recht. Wo hätte er sonst wohnen sollen? Damals hatte ihn schon einmal eine Wohnungsmodernisierung in Lichtenberg das Zuhause gekostet. Er konnte sich eine höhere Miete nicht leisten als Aufstocker. Das war vor rund zehn Jahren. "Damals begann die Odyssee, eine neue Wohnung zu finden", erinnert er sich. Er lebte eine Woche auf der Straße, schlief in einem Obdachlosenheim. Dann wurde er in das Wohnprojekt "Undine" in der Hagenstraße aufgenommen, bekam ein Zimmer. Die Wohnung in der Metastraße erlaubte ihm wieder, ein normales Leben zu führen. Jetzt droht er, diese Wohnung zu verlieren.

"Mietschulden", sagt er knapp. Zwei Monatsmieten. Sie seien beglichen, versichert er. Doch da war die fristlose Kündigung bereits im Briefkasten. Der Mann schiebt kein Selbstmitleid vor. Er versucht sie zu erklären, diese Verkettung von Umständen. Er sagt aber auch: "Ich kann schlecht viele Probleme auf einmal managen. Das heißt nicht, dass ich unfähig bin. Aber ich bin psychisch erschöpft." Jetzt ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann er dieses Zuhause räumen muss. Dabei hat er bis heute keine zeitgemäße Heizung. Ihn ärgert das Vorgehen der Deutschen Wohnen. Eine grundsätzliche Instandsetzung gab es nicht, erzählt er. "Das hätte ich gerne gehabt: dichte Fenster, bessere Wasserleitungen, ein Waschbecken im Bad". Seine Morgen- und Abendtoilette macht er in der Küchenspüle.

Es sind Studenten, Arbeiter und Senioren, die in diesen ehemaligen Wohnungen des Landes Berlin leben. Das Land verkaufte sie vor einigen Jahren, um Geld einzunehmen. Heute gehört der Bestand der Deutsche Wohnen Gruppe, die mit dem Slogan "Wert. Qualität. Verantwortung." wirbt und sich auch der Wertschöpfung verpflichtet fühlt, wie die Unternehmensbroschüre informiert.

Wie das aussehen kann, ist in Lichtenberg zu sehen: Nach Auszug der alten Mieter werden die Wohnungen an der Metastraße in Schuss gebracht: glänzendes Parkett statt morscher Holzdielen, edle Terrazzoplatten statt herkömmlicher Fliesen. So wollen es jedenfalls die noch in den alten Wohnungen lebenden Mieter gesehen haben. Ihre Häuser sind von außen an den grünen Netzen erkennbar, welche die Anwohner vor herabfallenden Fassadenteilen schützen sollen. Eine Grundinstandsetzung aller Wohnungen ist nicht in Sicht. Vor fünf Jahren drohte das Bezirksamt dem Eigentümer mit einer Umstrukturierungssatzung (Die Berliner Woche berichtete). Die verhindert Modernisierungen, wenn diese nicht sozial verträglich erfolgen. Die Eigentümerin lehnte das ab.

Wer als Mieter bleiben will, toleriert diese Wohnverhältnisse: Bessere Wohnungen zu ähnlichen Mieten auf dem freien Markt zu finden, das erscheint einigen Mietern ohnehin unmöglich. Manche von ihnen zahlen eine Kaltmiete drei Euro pro Quadratmeter.

"Eine neue Wohnung werde ich bestimmt nicht finden", sagt auch der Mann. "Mit Schufa und Jobcenter, welcher Vermieter will das? Der Mietmarkt hat keine Moral", ist er sich sicher. Die Soziale Wohnhilfe des Bezirksamtes hat er nicht kontaktiert. "Wozu? Mietschuldenberatung brauche ich nicht, und Anträge zu schreiben, ist immer ein immenser Aufwand mit vagem Ergebnis". In ihm regt sich der Trotz, es gegen die Widerstände zu schaffen – allein. Hilfe in Anspruch zu nehmen scheint für ihn zu bedeuten, die eigene Selbstständigkeit zu opfern. Der Mann spricht vom Auswandern. Auf den Balearen gibt es im Winter milde Temperaturen. "Ich will es mir nicht mehr antun, Mieter zu sein". Zuerst müsse er aber ein Lager für seinen Hausstand besorgen, ergänzt er. Und er wird nachdenklich: "Ich weiß nicht, was wird". KW
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