Wie für eine Mutter mit dem Kinderärzte-Mangel ein Spießrutenlauf begann

Daniela Papenbrock ist glücklich, dass Lisbeth gesund ist. Auch das Zwillingsgeschwisterkind Constantin ist bester Gesundheit. (Foto: Wrobel)

Lichtenberg. Über die Geburt ihrer Zwillinge Constantin und Lisbeth freut sich Daniela Papenbrock sehr, obwohl die Entbindung fast ihr eigenes Leben kostete. Im Krankenhaus wurde die Familie gut versorgt. Zum unerwarteten Problem entwickelte sich aber die Suche nach einem Termin bei einem der Kinderärzte. Ein Problem, das viele Eltern im Bezirk kennen dürften.

"An die Geburt meiner Kinder kann ich mich nicht erinnern", sagt Daniela Papenbrock während sie ihren kleinen Constantin auf dem Arm wiegt. Seine Zwillingsschwester Lisbeth schläft derweilen ruhig im Kinderwagen. Ein glückseliger Moment, der nicht immer so friedvoll war, wie die Mutter zu berichten weiß. Denn kurz vor der Entbindung kollabierte die damals Hochschwangere im Krankenhaus. Es folgten vier Tage Koma. "Die Kinder kamen gesund zur Welt", sagt die 34-Jährige. Für sie galt aber: Erst einmal von den körperlichen Strapazen erholen und die Gesundheit der Familie an erster Stelle stellen. Deshalb ist sie noch immer über den Spießrutenlauf verärgert, der nach der Entlassung aus dem Krankenhaus folgte.

Das eigentliche Problem: Einen Pflichttermin bei einem der Ärzte zu erhalten, um die Vorsorgeuntersuchung der Kinder wahrzunehmen. "Sie musste bis zum 30. März durchgeführt werden", sagt Papenbrock. Und das schien fast ein Ding der Unmöglichkeit, wie sie erklärt. "Ich telefonierte alle Kinderärzte in Karlshorst durch – und wurde von allen abgewiesen." Hinzu kam die Hürde, dass die junge Mutter nach der Entlassung aufgrund der gesundheitlichen Komplikationen weniger Zeit hatte, um sich einen Termin beim Kinderarzt zu besorgen. Mit den Absagen beschlich Daniela Papenbrock dann auch die Angst. Denn verpassen Kinder eine der Pflichtuntersuchungen, wird das dem Jugendamt gemeldet. Die Eltern müssen sich erklären. Sie ist sich sicher: "Wir sind kein Einzelfall in Karlshorst. Es gibt einfach viel zu wenig Kinderärzte."

Begrenzte Anzahl an Patienten

Ein Problem, das Dr. med. Dagmar Schuppe nur bestätigen kann. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin praktiziert in der Ehrenfelsstraße 47. Auch in ihrer Praxis hatte sich Daniela Papenbrock vergeblich um einen Termin bemüht. Zum konkreten Fall der Familie wollte sich die Ärztin zwar nicht äußern, "Engpässe" seien aber auch ihr bekannt. "Wir können nur unserem Auftrag entsprechen, indem wir eine begrenzte Anzahl von Patienten qualitativ gut versorgen."

"Viele Eltern in Lichtenberg suchen einen Kinderarzt und finden keinen, der noch neue Kinder und Familien aufnimmt", bringt es Gesundheitsstadträtin Sandra Obermeyer (parteilos für Die Linke) auf den Punkt. Der Bezirk ist mittlerweile so kinderreich, dass er mehr Kinderärzte bräuchte. Das verflixte allerdings sind laut Obermeyer die Statistiken, die das Gegenteil aufweisen: Noch 2012 war der Bezirk zu 134 Prozent an Kinderärzten überversorgt. 2016 stiegen sogar die Zahlen. "Statistisch haben wir eine 150-prozentige Versorgung."

Andere Bezirke lukrativer

Der Kinder und Jugendarzt Dr. med. Steffen Lüder weiß, warum Eltern keinen Arzt finden, obwohl die Statistik optimale Zahlen aufweist:"Die zugrunde liegende Bedarfsplanung für diese Statistik ist veraltet. Damit entspricht sie nicht der Lebenswirklichkeit." Bei der Bedarfsplanung legt die Kassenärztliche Vereinigung Berlin zusammen mit den Krankenkassen rechnerisch fest, wie viele Ärzte für eine Bevölkerungszahl zuständig sind. "Diese Berechnungen müssen aktualisiert werden", fügt Lüder an. Sie berücksichtigen nämlich nicht das Wachstum der Stadt. Ein weiteres Problem: Berlin wird als ein einheitlicher Versorgungsraum gesehen. Konkret heißt das, dass sich viele Ärzte lieber in Bezirken ansiedeln, in denen der Betrieb einer Praxis am lukrativsten ist. Andere Bezirke laufen Lichtenberg damit den Rang ab.

Überlastete Praxis im Alltag

Steffen Lüder praktiziert in Neu-Hohenschönhausen. Der Kinderarzt hat Constantin und Lisbeth schließlich die benötigte Untersuchung ermöglicht. Dabei beklagt auch der 50-jährige Mediziner: "Meine Praxis ist oft überlastet. Ich arbeite an meiner Grenze."

Deshalb fordert die Politikerin Sandra Obermeyer, die Bedarfsplanung endlich an die aktuelle Bevölkerungsentwicklung anzupassen, um mehr Niederlassungen ermöglichen zu können. Eine neue Planung wird laut der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin im Januar 2017 erwartet. Obermeyer will bis dahin nicht warten: "Wir möchten eine Studie beauftragen, die die bezirkliche Sicht auf die Ärzteverteilung widerspiegelt." Das Bezirksamt arbeitet zusätzlich "intensiv daran, eine Willkommensinitiative für Ärzte zu entwickeln." KW

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