Wirtschaft wächst, Arbeitslosenquote sinkt - gute Kräfte sind schwer zu finden

Marcel Patraschkov führte Bürgermeister Michael Grunst und Job-Center-Geschäftsführer Lutz Neumann durch sein Unternehmen. (Foto: Berit Müller)
 
Die Mitarbeiter der dopa Diamond Tools fertigen Diamantwerkzeuge - das Schleifen von Gläsern gehört dazu. Foto: Berit Müller (Foto: Berit Müller)

Das Lichtenberger Wirtschaftsamt registriert, dass sich immer mehr Betriebe im Bezirk ansiedeln. Die Arbeitsagentur verweist auf eine Erwerbslosenquote, die im Jahresdurchschnitt unter acht Prozent liegt und damit niedriger ist denn je. Bezirksamt, Arbeitsagentur und Jobcenter schreiben den Erfolg einem guten Netzwerk zu. Ein wachsendes Problem aber stellt der Fachkräftemangel dar.

Man könnte der Firma gerade einen „Lauf“ bescheinigen: Erst im Juni ist der Werkzeughersteller dopa Diamond Tools von Alt- nach Neu-Hohenschöhnhausen in ein hochmodernes Domizil mit viel mehr Platz umgezogen. Im Oktober gewann der Betrieb den Lichtenberger Unternehmerpreis 2017, wobei er sich gegen starke Konkurrenz durchsetzte. Und die Auftragslage bleibt anhaltend so gut, dass selbst die neuen, großzügigen Räume im Gewerbegebiet „Zu den Krugwiesen“ nicht mehr ausreichen. „Wir planen einen Anbau und wollen nächstes Jahr loslegen“, sagt Marcel Patraschkov.

Gemeinsam mit zwei Brüdern leitet er das Unternehmen, das seine Eltern kurz nach der Wende als kleinen Familienbetrieb gründeten. Inzwischen liefert die „dopa Entwicklungsgesellschaft für Oberflächentechnologie mbh“ – so der komplette Name – Diamantwerkzeuge und Präzisionsoptik in die ganze Welt. 40 Mitarbeiter bearbeiten optische Gläser, Keramiken und Kristalle, die unter anderem in Smartphones, Kameras und in der Medizintechnik zum Einsatz kommen.

Gute Kräfte sind schwer zu finden

Gern könnten es mehr Beschäftigte sein. „Wir suchen immerzu, auch mit Anzeigen in den gängigen Online-Jobbörsen“, erzählt der Geschäftsführer. „Und wir haben schon Leute aus der Schweiz, aus Russland, selbst aus Singapur geholt. Es ist nicht ganz einfach, gute Kräfte zu finden.“ Das Los teilt der prosperierende Betrieb mit vielen Arbeitgebern, weiß die Lichtenberger Wirtschaftsstadträtin Birgit Monteiro (SPD) von regelmäßigen Betriebsbesuchen. „Die Firmen klagen über den Arbeits- und Fachkräftemangel.“

Die Dezernentin hört von derlei Problemen immer häufiger, weil immer mehr Unternehmen einen Standort in Lichtenberg wählen. Seit zehn Jahren wachse die Zahl der ansässigen Betriebe kontinuierlich, so die Stadträtin. Gab es in Lichtenberg 2006 noch 15 864 Gewerbe, sind es aktuell 20 955. Allein in diesem Jahr siedelten sich mehr als 300 Unternehmen neu an, darunter große Arbeitgeber wie Höffner an der Landsberger Allee mit 500 Mitarbeitern oder die Wäscherei Greif in Neu-Hohenschönhausen mit rund 200 Beschäftigten. Nicht nur Fachkräfte, auch Auszubildende suchen manche Branchen händeringend. 2000 freie Ausbildungsstellen hat die Agentur für Arbeit Berlin Mitte aktuell im System, das sind 800 mehr als zum Vorjahreszeitpunkt.

Für eine Ausbildung im Handwerk werben

„Das zeigt, wie groß der Bedarf ist“, sagt Shirin Khabiri-Bohr, Vorsitzende der Geschäftsführung. „Gleichzeitig sinkt die Zahl der Schulabgänger.“ Auch die Tatsache, dass immer mehr Jugendliche einen höheren Abschluss anstreben, sei dem Fachkräftemarkt wenig zuträglich. „Wir versuchen Schulabgänger daher für die Alternative einer betrieblichen Ausbildung zu interessieren. Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr junge Leute ins Handwerk gehen.“

Mit Umschulungen oder Weiterbildungen für Menschen im fortgeschrittenen Alter reagiert das Jobcenter Lichtenberg auf die große Nachfrage in manchen Branchen – etwa in der Pflege, generell im Gesundheitsbereich, auch im öffentlichen Dienst. „Es geht darum, individuell zu ergründen, wer wohin passt“, erläutert Geschäftsführer Lutz Neumann. „Für viele Berufe braucht es eine besondere Affinität. Alter und Qualifikation spielen eher eine Nebenrolle.“ 230 Umschulungen hat das Jobcenter im Jahr 2017 gefördert. Auch die dopa Diamond Tools hat einen Weg gefunden, mit dem Fachkräftemangel umzugehen.

„Bei Bewerbern kommt es uns auf die Motivation, das Talent und die Fertigkeiten an, nicht unbedingt auf die exakt passende Ausbildung“, sagt Marcel Patraschkov. So beschäftigt er nicht nur Leute, die toqualifiziert sind für die Herstellung der Präzisionswerkzeuge. Auch Zahntechniker, Brillenoptiker, Zweirad-Mechaniker und Facharbeiter für Zerspanungstechnik hat er im Team. „Wenn das Geschick und der Wille da sind, fällt das bei uns auf fruchtbaren Boden.“
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