Mit Synanon aus der Sucht ins neue Leben

Vor dem neu sanierten "Energiespeicher" (v.l.): Der Stiftungs-Chef Uwe Schriever, Chef des Synanon-Gartenbaubetriebs Alois Reitzer und der stellvertretende Stiftungsvorsitzende Alexander Koch. (Foto: Wrobel)
 
Die Synanon-Selbsthilfe auf dem Gut Malchow gibt es seit rund drei Jahren. (Foto: Wrobel)
Berlin: Synanon Stiftung |

Malchow. Mehr als 28 000 Menschen haben in den vergangenen 45 Jahren in der Suchtselbsthilfe "Synanon" Unterstützung gesucht, um vom Alkohol, Drogen oder der Spielsucht loszukommen. Das Gut Malchow wird für die Selbsthilfe weiter ausgebaut.

Heute ist es seltener geworden, dass altgewordene Junkies vor der Tür stehen. Früher waren es aber vor allem Erwachsene über 30, die irgendwann in die Sucht abglitten. Damals war Heroin die angesagte Droge. 1971 gründeten deshalb zwei Junkies in Berlin die Suchtselbsthilfe "Synanon". Hier finden bis heute Süchtige einen Weg aus ihrer Abhängigkeit – ohne Ärzte oder Therapeuten. Denn die Einrichtung gibt die Chance, sich selbst zu helfen. Mehr als 28 000 Menschen haben in den letzten 45 Jahren die heutige Stiftung aufgesucht. Vielen von ihnen hat dieser Weg geholfen. Seit wenigen Jahren finden sie abseits der Großstadt auf dem Gut Malchow in der Dorfstraße 9 zum Leben zurück.

So etwa Alois Reitzer. Der trockene Alkoholiker kennt die drei Regeln der Suchtselbsthilfe auswendig: "Hier gibt es keine Drogen, kein Alkohol. Gewalt oder Androhungen sind tabu und auch geraucht wird hier nicht." Vor sieben Jahren wurde "Synanon" für ihn der Lebensmittelpunkt. Mittlerweile leitet der 53-Jährige den Gartenbaubetrieb auf dem Gut. Wie jeder andere hat auch Reitzer einen "kalten Entzug" hinter sich. Danach war sein Weg aus der Sucht keineswegs zu Ende: "Jeder Süchtige muss ja einen neuen Lebensalltag erlernen, auch deshalb ist Beschäftigung sinnvoll und notwendig", sagt er. "Nicht die Sucht macht den Rückfall möglich, sondern viel eher die Selbstüberschätzung und die Rückkehr in den gewohnten Alltag. Vielen geht es nach sechs Wochen in der Einrichtung so gut, dass sie denken, wieder auf eigenen Füßen stehen zu können", erklärt er.

Erst nach zwei bis drei Jahren seien die meisten fähig, wieder ein eigenes Leben draußen zu führen. Wer sich entscheidet, zu bleiben, der bekommt einen Wohnplatz und eine Beschäftigung. Die Einrichtung wird ein Zuhause. "Die Synanon-Stiftung ist für viele der letzte Notanker. Sie ist eine Lebensschule", fügt Alexander Koch, stellvertretender Vorsitzende der Stiftung, an.

Zur großen Jubiläumsfeier im Juni kamen der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und mehr als 300 Freunde und Förderer auf das denkmalgeschützte Gut. Die Stiftung erwarb 2013 das alte Herrenhaus in Lichtenberg und zog von der Bernburger Straße raus aufs Dorf. Seitdem wird das Gut Stück um Stück in Eigenarbeit zusammen mit den Betroffenen um- und ausgebaut.

Die Stiftung zählt über ein Dutzend sogenannter Zweckbetriebe, welche die Stiftungsarbeit finanzieren: Die Männer und Frauen werden in der Wäscherei, Tischlerei oder im Umzugsservice eingesetzt. Auf dem Gut wird zusammen gelebt, gearbeitet, gegessen. Und auch die Freizeit wird gemeinsam organisiert. Mehr als 80 Menschen leben derzeit die "Synanon-Lebensschule". Sie gibt klare Alltagsstrukturen vor, in den Zweckbetrieben gibt es teilweise einheitliche Kleidung. Nicht jeder kann sich dem zunächst anpassen.

"Nicht jeder schafft es auch beim ersten Mal", weiß Alexander Koch. "Hier muss man Verantwortung für sich selbst übernehmen. Es ist nicht die Gesellschaft, die für das eigene Verhalten schuldig gemacht werden kann." Alois Reitzer stimmt dem zu: "Eine Sucht kann nicht geheilt werden. Aber man kann mit ihr leben. Ich bin heute ein zufriedener, trockener Alkoholiker." KW

Weitere Informationen: www.synanon-aktuell.de.
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