Geschwindigkeit nahm in Marienfelde Fahrt auf

Marienfelde. Vor 110 Jahren, am 28. Oktober 1903, wurde in Marienfelde ein Weltrekord aufgestellt, mit dem namhafte deutsche Industriekonzerne neue Geschwindigkeitsstandards im Schienenverkehr setzten und ihren Weltruf zementierten.

Nachdem die Dampflok Mitte des 19. Jahrhundertes elektrische und nicht mehr aufzuhaltende Konkurrenz bekommen hatte, gründeten Siemens & Halske, die AEG, Krupp, Borsig, die Deutsche Bank und noch einige andere führende Großunternehmen der Zeit 1899 die "Studiengesellschaft für Elektrische Schnellbahnen" (St.E.S.) mit dem Ziel, praktische Erfahrungen mit hohen Geschwindigkeiten bei elektrischem Antrieb zu sammeln. Dabei sollte auch eine Oberleitung anstatt der bislang verwendeten Stromschienen getestet werden. Zu diesem Zweck wurde an der preußischen Militärbahn zwischen Marienfelde (damals noch vor den Toren Berlins) und Zossen eine 33 Kilometer lange dreipolige Oberleitung mit 10 kV Drehstrom/50 Hz in etwa fünf bis sieben Meter Höhe seitlich vom Gleis installiert. Auf dieser Strecke und mit dem neuen Stromversorgungsprinzip wurden 1901 dann erstmals Geschwindigkeiten von über 160 Stundenkilometern erreicht. U

nd nach technischer Verbesserung des Oberbaus und der Fahrzeuge wurde am 7. Oktober 1903 erstmals die 200 Stundenkilometer-Marke geknackt und drei Wochen später, am 27. Oktober, stellte schließlich ein Versuchstriebwagen der AEG mit 210,2 Stundenkilometern einen neuen Weltrekord auf. Insgesamt zeigten die Versuche, dass auch mit Fahrzeugen herkömmlicher Bauart weit höhere Geschwindigkeiten zu erreichen waren, als sie die damalige Betriebsordnung für Hauptbahnen vorsah.

Damit hatte die Studiengesellschaft ihren Zweck erfüllt und wurde Ende 1905 aufgelöst. Die Marienfelder Versuchsstrecke wurde 1920 stillgelegt und bald darauf abgebaut.

Zur Erinnerung an den denkwürdigen Weltrekord ließ das damalige Bezirksamt Tempelhof im Dezember 1985 am S-Bahnhof Marienfelde eine von den Künstlern Irene Schultze-Seehof und Maximilian Pfalzgraf gestaltete Plastik aufstellen. Das Denkmal aus Aluminium zeigt einen aufgeteilten preußischen Meilenstein mit großen Plaketten, auf denen Einzelheiten zu der Fahrt dargestellt sind. Am anderen Ende der einstigen Versuchsstrecke, am Bahnhof in Zossen, wurde 2004 ebenfalls eine Gedenktafel aus Bronze eingeweiht.


Horst-Dieter Keitel / hdk
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