Hinter dem Horizont fährt er weiter

Heute ist er ein Kultmobil: der Trabant 601, das vielen als das Auto der Deutschen Einheit gilt. (Foto: Thomas Geiger)
 
Noch gut 30 000 Exemplare: So lautet der Straßenbestand des Trabant 601 nach aktuellen Angaben des Kraftfahrt-Bundesamt. (Foto: Thomas Geiger)

Kein Auto prägte das Straßenbild eines Landes mehr als der Trabant 601. Bis heute fährt garantiert irgendwo einer dieser Dauerbrenner aus den Sachsenring-Werken in Zwickau durchs Bild, wann immer über die DDR berichtet wird. Dabei hatte er beim Mauerfall eigentlich schon seine besten Jahre hinter sich. Schließlich stammt der Trabant 601 aus dem Jahr 1964.

Die eigentliche Geschichte begann bereits am 14. Januar 1954. Damals beschloss der Ministerrat der DDR die Entwicklung eines Kleinwagens mit zwei Haupt- und zwei Nebensitzen, einem Gewicht von unter 600 Kilogramm, einer Kunststoffkarosserie und einem Verbrauch von 5,5 Litern. Die Entwicklungszeit wurde auf 18 Monate festgesetzt, der Preis auf 4000 Mark und die Jahresproduktion auf 12 000 Fahrzeuge.

Der Plan ging auf: Am 1. Juli 1955 startete die Serienproduktion des P 70, der allerdings nur als Zwischenlösung gedacht war und nach knapp 40 000 Einheiten im Jahr 1959 wieder eingestellt wurde. Bis dahin hatten die Entwickler den P 50 fertig, der bereits den Beinamen Trabant bekam und vom VEB Sachsenring in Zwickau gebaut wurde. Ihm folgte nach rund 130 000 Exemplaren und vier Jahren der P 60 (1962-1965; 106 000 Exemplare). Und im Sommer 1964 startete eben jener P 601, der es als Auto der Einheit zu Weltruhm bringen sollte. Unter der Hülle steckten im Innenraum zwei Sitze wie Gartenstühle und eine dünne Rückbank. Unter der Motorhaube knatterte ein gerade mal 600 Kubikzentimeter großer Zweizylinder-Zweitakter, der mit seinem Benzin-Öl-Gemisch das ganze Land in eine blaue Wolke hüllte.

Zwar wog der 601 tatsächlich nur gut 600 Kilogramm. Doch das Motörchen hatte mit seinen zuletzt 19 kW (26 PS) an dem leichten Auto trotzdem schwer zu schleppen: Von 0 auf 100 in etwa 20 Sekunden und nicht einmal 110 km/h Spitze - das war eine Leistung, die den Spitznamen Rennpappe als reine Ironie enttarnt.

Heute braucht es bei einer Probefahrt mit dem Trabant nur ein paar Meter, und die Wendezeit wird wieder lebendig: Aus dem fingerdünnen Auspuffrohr puffen blaue Wölkchen. Es riecht nach Zweitakter. Und mit dem "Reng-Teng-Teng" des Mini-Motors hat man auch wieder die Protestchöre der Montagsdemos in den Ohren.

Doch mit der Wende ging die Karriere des Einheitsautos rasend schnell zu Ende. Zwar hatten die Sachsenring-Werke den ostdeutschen Bestseller tapfer modernisiert, und kurz vor Schluss gab es für die Rennpappe sogar noch einen modernen Vierzylinder-Viertakter von VW. Doch die Organspende war vergebens: Die "Wessis" wollten vom Ostauto noch nichts wissen - und die "Ossis" nichts mehr wissen. Sang- und klanglos und ohne große Sentimentalitäten baute die VEB Sachsenring am 30. April 1991 den letzten von 2 818 547 Trabant 601.

"Weil den Trabant damals wirklich keiner mehr wollte, gab es Gebrauchte zu dieser Zeit schon für ein paar Hundert Mark oder mit Glück sogar im Tausch für ein, zwei Kisten Bier", sagt Thomas Enders vom Trabi-Club "Blaue Wolke Mittelhessen". Heute ist das anders: "Mittlerweile erfreut sich der Trabant wieder wachsender Beliebtheit. Und die Preise sind längst wieder gestiegen." Wer ein Exemplar im Zustand 2 oder 3 kaufen möchte, sei mittlerweile schnell mit 4000 bis 5000 Euro dabei. "Besonders rare Trabanten aus den Anfangsjahren oder die seltenen Exportmodelle kosten sogar schon 20 000 Euro und mehr."

Der Trabant ist inzwischen zu einem gesamtdeutschen Auto geworden, sagt Enders: "Nicht umsonst gibt es mittlerweile in jedem Bundesland eine Handvoll Trabant-Clubs." Der Fahrzeugbestand liegt nach aktuellstem Stand vom Januar 2013 laut Kraftfahrt-Bundesamt bei 32 485 zugelassenen Trabis.


dpa-Magazin / mag
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