Zwei gegen vier Räder: Wie Radler und Autofahrer klarkommen

Einige Radfahrer betrachten rote Ampeln als unverbindliche Empfehlung. Über gefährliche Begegnungen mit Autofahrern dürfen sie sich kaum wundern. (Foto: Bodo Marks)

Wer Rad fährt, mag Autofahrer nicht. Sitzt man dann selbst hinterm Steuer, stören einen plötzlich die Radfahrer. Wie man es auch dreht und wendet: Das Verhältnis von beiden Seiten ist nicht frei von Spannungen.

Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr sagt: "Autofahrer und Radfahrer sind zwei Autonome im urbanen Raum, die sich bekriegen." Eine einfache Erklärung für das schwierige Verhältnis könnte lauten: Autofahrer sind kompromisslose PS-Rowdys, die sich hinter Metall und ihrer Anonymität verstecken und keinen Zentimeter Platz machen. Dem gegenüber stehen die Radfahrer, die sich ökologisch und moralisch im Recht fühlen und als Ausdruck ihrer Überlegenheit demonstrativ rote Ampeln überfahren und Verkehrsschilder ignorieren. Gas gegen Pedal, Motor gegen Muskeln.

Doch in dieser Debatte helfen Pauschalurteile wenig. Viele Autofahrer sind auch Radfahrer – und umgekehrt. "Man sollte die Parteien nicht stigmatisieren", sagt Andrea Häußler, Verkehrspsychologin beim TÜV Süd. Die Persönlichkeit wechselt mit dem Verkehrsmittel. Dabei bleibt eine Eigenschaft jedoch erhalten: "Man neigt dazu, die eigene Rolle voll auszuleben", erklärt Häußler.

Laut Alfred Fuhr neigt man als Radfahrer dazu, den Verkehrsraum so optimal wie möglich auszunutzen: Fahren über Bord und Stein, quer über die Kreuzung, über den Mittelstreifen, über Gras und Gehwege – alles kein Problem.

Umgekehrt, wenn man im Auto sitzt, ist das Freiheitsgefühl andersgeartet. Im Wagen ist man geschützt – und man ist Herr über PS und die Straße. Radfahrer sind keine Gefahr, Rücksicht müssen Autofahrer um ihrer selbst willen nicht nehmen.

Wenn Radfahrer und Autofahrer ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen, sind Unfälle programmiert. Im Jahr 2014 sind auf Deutschlands Straßen mehr als 3370 Menschen gestorben. Der Anteil getöteter Radfahrer stieg dabei nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 11,9 Prozent auf 396.

Stephanie Krone vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) fordert, dass Autofahrer, die Stärkeren auf der Straße, die Belange von Radfahrern, den Schwächeren, mehr berücksichtigen. Herbert Engelmohr vom AvD hält von der Kategorisierung in starke und schwache Verkehrsteilnehmer wenig: "Es suggeriert, dass manche die Verkehrsregeln eher befolgen müssen als andere."

Im Straßenverkehr neigt man dazu, das Regelwerk auszublenden. Deshalb kommt viel darauf an, mit welcher Grundhaltung Auto- und Radfahrer jede Fahrt antreten. "Rücksicht ist eine Einstellung. Und diese gewinnt man nur, wenn man seine Rolle hinterfragt und sich von seinen eigenen Interessen distanziert", sagt Andrea Häußler. mag
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