Bagger unter Beobachtung: Tacheles-Investoren müssen Archäologen einschalten

Das riesige Areal neben der Tacheles-Ruine wird bebaut. Historiker Eberhard Elfert fordert archäologische Untersuchungen. (Foto: Dirk Jericho)
 
Die Tacheles-Ruine steht seit 2011 leer. Das frühere Kaufhaus wird saniert und wieder Kulturstandort. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Tacheles-Quartier |

Mitte. Nach Jahrzehnten des Stillstands hat am 4. April das Megaprojekt zur Bebauung der Freiflächen rund um die Tacheles-Ruine begonnen. Archäologen sollen jetzt aufpassen, dass die Bagger keine archäologischen Funde zerstören.

Die Antwort des Bauleiters auf der Bürgerversammlung am 21. März zum geplanten Wohn- und Geschäftsviertel auf dem Tacheles-Areal hat Eberhard Elfert aufhorchen lassen: Historische und archäologische Funde seien nicht zu erwarten, wenn die Bagger das riesige Gelände der bisher als Parkplatz genutzten Brache zwischen Oranienburger Straße und Johannisstraße für die zweigeschossige Tiefgarage auslöffeln. An der Stelle sei früher Sumpf gewesen, erst vor 100 Jahren wurden hier Häuser gebaut, sagte der Mitarbeiter vom Projektentwickler pwr development, Tochter des Eigentümers Perella Weinberg Real Estate (PWRE), den besorgten Bürgern.

Funde sind wahrscheinlich

Eberhard Elfert ist Historiker und Stadtführer und konnte nicht glauben, dass die Bauherren ohne archäologische Untersuchungen drauflos buddeln wollten. Noch in der Nacht nach der Bürgerversammlung hat Elfert recherchiert und zum Beispiel alte Karten von 1772 gefunden, die Häuser auf dem Areal zeigen. Zudem sind in der Datenbank der Senatsbauverwaltung zu Archäologischen Fundstellen und Bodendenkmalen direkt neben dem Baugrundstück Funde aus der Vor- und Frühgeschichte (10 000 vor Christus bis Ende des 6. Jahrhunderts) vermerkt.

Wie es scheint, wollen die Bauherren nach Elferts Protesten nun doch Vorsicht walten lassen beim Ausheben der Baugrube. Elfert hatte auch Berlins Leiterin für Gartendenkmalpflege und Archäologie, Karin Wagner, geschrieben. „Einen konkreten Anfangsverdacht“ für mögliche Funde gebe es zwar nicht, so Wagner; die Archäologin vom Landesdenkmalamt rechnet jedoch in den nichtunterkellerten Höfen des Areals vor allem im östlichen Bereich mit älteren „Bebauungs- und Siedlungsspuren“. Karin Wagner hat die Bauherren am 4. April aufgefordert, „während der Erdarbeiten eine archäologische Baubegleitung durchzuführen“. Dazu sind die Investoren auch verpflichtet. In der für die Baugrube erteilten Baugenehmigung sei ein Passus enthalten, „der archäologische Rettungsmaßnahmen sicherstellt“, so Wagner.

Weil die Denkmalbehörde keine verfügbaren Archäologen hat und niemand von den 14 Berliner ehrenamtlichen Experten, die für das Landesdenkmalamt Baustellen untersuchen, so kurzfristig Zeit hat, muss der Investor nun eine archäologische Fachfirma beauftragen.

Areal innerhalb der Akzisemauer

Das Areal für das neue Wohnviertel liegt in der Spandauer Vorstadt südöstlich des Oranienburger Tores und innerhalb der Mitte des 18. Jahrhunderts gebauten Akzisemauer. Die aus Ziegeln gemauerte Wand markierte die Zollgrenze. Wagner erwartet Siedlungsreste aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Finden die Fachleute bei den Erdarbeiten Gebäudereste aus Felsstein oder Fachwerk, werden die Arbeiten gestoppt. Erst wenn die Archäologen dann alles freigelegt, vermessen und fotografiert haben, dürfen die Bagger weitermachen.

Bis 2020 soll auf dem 2,5 Hektar großen Areal rund um das Tacheles ein neues Stadtquartier aus dem Boden gestampft werden. Über 500 Millionen Euro investiert PWRE für Hotel, Boutiquen, Bürohäuser, 450 Eigentumswohnungen, die Rekonstruktion der Friedrichstraßenpassagen und die Sanierung des Tacheles-Kunsthauses. DJ
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.