Bezirk legt härtere Gangart bei Schulschwänzern ein

Nicht alle Kinder und Jugendlichen machen sich jeden Morgen so auf den Weg in Richtung Schule. Bis zu 250 Schwänzer registriert der Bezirk jedes Jahr. (Foto: KEN)

Mitte. Einfach keine Lust oder stecken tiefergehende Probleme dahinter? Schulschwänzen kann verschiedene Ursachen haben. Auf alle Fälle verstößt es gegen das Schulgesetz und wird geahndet.

"Jeder zehnte junge Mensch verlässt die Schule ohne Abschluss", sagt Detlev Thietz von der Schulaufsicht in der Region Mitte. Und verbaut sich damit seinen beruflichen Weg. Schwänzen sei immer auch ein Indiz für die Gefährdung des Kindeswohls, so Jugendamtsleiterin Monika Goral. Diese trete nicht plötzlich auf, sondern entwickle sich über Jahre hinweg. Und es gebe auch häufig einen Zusammenhang zwischen dem wiederholten Schwänzen und Straffälligkeit.

Bis zu 250 Schulschwänzer registriert der Bezirk jedes Jahr. Das heißt, sie haben elf bis 20 Tage im Halbjahr unentschuldigt gefehlt. Sie sind über den Bezirk gleichmäßig verteilt. Es gibt keine bestimmten Schulen oder Kieze, in denen sie gehäuft auftreten. Unter den jüngeren Schülern wuchs die Zahl. Auffällig ist: 209 haben einen Migrationshintergrund.

Vom Bezirksamt eingeleitete Ordnungswidrigkeitsverfahren, die Geldbußen von bis zu 2400 Euro oder sogar Ersatzhaft nach sich ziehen, bringen nichts. "Eltern kaufen ihre Kinder frei oder sie werden wirkungslos gepfändet", berichtet Detlev Thietz. "Viele sind kooperativ, aber überfordert. Ein Teil der Eltern ist nicht kooperativ. Sie haben kein Problembewusstsein", so die ernüchternde Erkenntnis des Schulexperten. Der Bezirk hat schon 2007 Gegenmaßnahmen ergriffen. In einem "Lotsenmodell" wurden Jugendamt und Schulen stärker vernetzt. Es folgte "Erwin", ein Handlungsleitfaden "für ein exemplarisches Vorgehen bei Schuldistanz" in bislang zwei Stufen, zuletzt für die ersten bis siebten Klassen. Ein rechtzeitiges Eingreifen soll die Schuldistanz verringern. Es gehe darum, Probleme, die zum Schwänzen führen, zu verstehen, aber auch "hart und sanktionierend" zu handeln, so Thietz.

Nach einer Verschärfung der Strafen, die das Abgeordnetenhaus 2014 beschlossen hat, hat der Bezirk "Erwin" novelliert. Jetzt werden alle am Problem Beteiligten früh zu einem Beratungsgespräch ins Jugendamt gebeten. Ein Jugendpsychologe sitzt mit am Tisch. Kommt es zu keiner Vereinbarung mit den Eltern, geht das Ordnungswidrigkeitsverfahren an das Familiengericht. Das soll innerhalb von vier Wochen eine Entscheidung fällen. Jugendamtsleiterin Gordal weiß, dass bei drohendem Entzug des Sorgerechts rasch eine Kooperation erreicht wird.

"Erwin 3" sei ein vorbeugendes Programm und für Berlin wegweisend, sagt Schulstadträtin Sabine Smentek (SPD). Allerdings "bremse" der Personalmangel eine vollständige Anwendung in allen Altersstufen noch aus. Smentek will für eine personelle Verstärkung beim regionalen sozialpädagogischen Dienst sorgen, der Anlaufstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche bei Erziehungsfragen und familiären Problemen. Schließlich sei "auf allen politischen Ebenen" der Handlungsbedarf erkannt.


Karen Noetzel / KEN
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
6
Torben Loppertz aus Märkisches Viertel | 02.04.2015 | 03:15  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.