Modellprojekt hilft Jugendlichen mit schlechten Noten

Der 17-jährige Murat Dogan ist Auszubildender im Haus der deutschen Wirtschaft in Mitte. Bis er den Beruf des Kochs für sich entdeckte, dauerte es einige Zeit.
 
André Zielienski arbeitet in seinem Traumberuf als Kfz-Mechatroniker. Der Bildungsträger Zukunftsbau vermittelte ihn in einen Betrieb. (Foto: Wörrle)

Berlin. Die Wirtschaft klagt über die schlechte Qualifikation vieler Schulabgänger. Sie haben Schwierigkeiten, auf dem Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Das Modellprojekt der "Assistierten betrieblichen Ausbildung" bietet Unterstützung und vermittelt Jugendliche an Betriebe, die statt auf gute Noten auf praktische Fähigkeiten schauen.

Es ist 10 Uhr morgens und Murat Dogan denkt schon ans Mittagessen. Für 380 hungrige Mitarbeiter im Haus der deutschen Wirtschaft müssen ab kurz nach 11 Uhr mehrere Menüs bereitstehen. Heute sind Brokkoli-Champignon-Pfanne und Minutensteaks mit Paprika am schwarzen Brett angekündigt. Azubi Murat bereitet den Grill vor. Obwohl der 17-Jährige im ersten Lehrjahr ist, kocht er regelmäßig vor Publikum im Betriebsrestaurant. Dass er jetzt mit großer Freude am Herd steht, hätte er bis vor Kurzem nicht gedacht. "Ich wusste lange nicht, welchen Beruf ich lernen will und meine Noten waren nicht gut", erzählt Murat und grinst seinen Ausbilder Ralf Jacobi von der Firma Wisag Catering an. Auch der lächelt und ergänzt: "Die Noten werden besser. Mathe üben wir oft beim Kochen." Jacobi weiß, dass viele Azubis besser lernen, wenn sie einen konkreten Bezug haben. Mengenangaben von Rezepten zu berechnen, fällt Murat leichter als abstrakte Formeln. Dann ist Essenszeit. Die ersten Gäste kommen, Murat steht hinterm Tresen und richtet Teller mit Steaks und Gemüse an. Dabei spürt man nichts davon, dass sein Ausbildungsstart erst über Umwege klappte.

"Azubis müssen sich in der Praxis beweisen können", sagt Gastronomieleiter Robert Löser. Die Noten schaut er sich oft erst nach dem Bewerbungsgespräch an, dagegen ist ein Praktikum Pflicht. Damit Murat seine Motivation nicht wieder verliert und es mit der Berufsschule klappt, hat er einen Coach an seiner Seite.

Die Lehre durchhalten

Murat ist Teilnehmer am Projekt "Assistierte betriebliche Ausbildung" des Bundesinstituts für Berufliche Bildung, das - gefördert vom Bundesbildungsministerium - mit 17 bundesweiten Modellversuchen neue Wege der Fachkräftesicherung erprobt. Im Berliner Projekt werden Jugendliche mit schlechten formalen Voraussetzungen auf den Berufsstart vorbereitet, in eine Lehrstelle vermittelt und unterstützt, die Ausbildung durchzuhalten.

Da Murat nach seinem Abschluss alleine keine Stelle fand, blieb er noch ein Jahr in einem berufsvorbereitenden Kurs. Doch die Noten wurden nicht besser. Als ihm Sabine Steinert von der Zukunftsbau GmbH, dem Bildungsträger, der das Projekt in Berlin umsetzt, dann die Lehrstelle als Koch vorschlug, war er erst skeptisch. Nach zwei Wochen Praktikum sagte er zu und freut sich heute "in einem so abwechslungsreichen Beruf zu arbeiten", denn auch bei Großevents der Wirtschaftsverbände ist er dabei.

Genau diese sehen die Ausbildungssituation in Berlin kritisch. Die Begeisterung, die Murat für seinen Beruf entdeckt hat, würde vielen Jugendlichen fehlen. Sie seien wenig motiviert und zu schlecht qualifiziert, lauten die Bedenken. Immer mehr Firmen hätten Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden, melden die Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB). Grund sei die schlechte Berufsvorbereitung an den Schulen.

Interessen zielgerichtet lenken

Die Folgen würden bereits sichtbar: "Immer mehr Jugendliche in Berlin brechen ihre Ausbildung ab", sagt der Verbandssprecher Frank Hufnagel. Über 30 Prozent im Jahr 2011, haben die Verbände ermittelt und forderen, dass Wirtschaft und Schulen stärker zusammenarbeiten. "Interessen der Schüler zielgerichtet zu lenken, muss unser Ziel sein und noch mehr Schüler mit den Unternehmen zusammenbringen", sagt Hufnagel.

"Es gibt viele Gründe, warum es mit einer Lehrstelle nicht gleich klappt", wehrt Sabine Steinert die Vorwürfe der Wirtschaft ab. Davon, dass immer mehr Jugendliche nicht ausbildungsreif seien, nimmt sie Abstand. "Viele Firmen stellen zu einseitig nach Formalien ein", sagt Steinert und weist darauf hin, wie wichtig es sei, individuelle Talente zu fördern.

Genau diese Talente zu finden, ist der erste Schritt, den die Azubi-Coaches mit den Jugendlichen gehen. Danach folgt die Suche nach dem passenden Beruf und wenn eine Lehrstelle gefunden ist, begleiten Steinert und ihre Kollegen die Azubis und die Betriebe wenn nötig durch die gesamte Lehrzeit. "Meistens ist das Arbeiten das kleinere Problem", sagt Steinert. Unterstützung und Nachhilfe sind eher beim Lernstoff und bei manchen persönlichen Problemen nötig, erklärt die Projektleiterin.

Begeisterung für den Job

So hat auch Thorsten Schulz einem jungen Mann eine Lehrstelle als Kfz-Mechatroniker gegeben, der statt mit guten Noten mit seiner Begeisterung für den Beruf punkten konnte. "André hat mir im Vorstellungsgespräch gezeigt, dass er die Stelle unbedingt will", sagt der Ausbilder im Autohaus Heuer, der schon öfter erlebt hat, dass Azubis die Lehrzeit nicht durchhalten. "Viele sind zu träge und nicht zu doof", sagt Schulz, der von keinem Bewerber verlange, dass er alles schon weiß, was er hier lernen soll.

Ähnliches erzählt auch Azubi André Zielienski, der schon früh wusste, dass er einmal in einer Autowerkstatt arbeiten will: "Kaum einer meiner Freunde hat einen wirklichen Traumberuf", sagt er. Auch André hat nach der Schule viele Absagen bekommen. "Immer waren die Noten zu schlecht", berichtet der 18-Jährige. Als er dann über das Jobcenter zu Sabine Steinert kam, hatte diese schon Kontakt zu Thorsten Schulz, der bereits den zweiten Azubi "inklusive Assistent" bei sich hat. "Für kleine Betriebe wie wir ist es eine große Hilfe, wenn sich um Schule und Nachhilfe jemand anderes kümmert", sagt Schulz.

Bislang wird die "Assistierte betriebliche Ausbildung" noch als Modellprojekt gefördert. Damit es danach weitergehen kann, müssten neue Finanzierungswege zum Beispiel über die Bundesagentur für Arbeit gefunden werden. Ausbildungswillige Firmen, die junge Leute für September dieses Jahres suchen, können sich noch für das Modellprojekt melden.


Azubi-Probleme mehr in den Fokus

Berliner sehen Modellprojekt positiv



Die Mehrheit der Leser hält Azubi-Coaches für sinnvoll. "Angesichts sinkender Bewerberzahlen müssen wir neue Wege finden, um mehr Jugendliche für den Arbeitsmarkt fit zu machen", sagt Frank Hufnagel, Sprecher der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg zum Ergebnis der Leserfrage zur Reportage über das Modellprojekt "Assistierte betrieblichen Ausbildung". Auf die Frage "Halten Sie Azubi-Coaches für sinnvoll?" antworteten 73 Prozent mit Ja, nur 27 Prozent verneinten. Auch Hufnagel bleibt optimistisch, dass derartige Modellprojekte helfen, mehr Jugendliche für eine betriebliche Ausbildung zu begeistern. Denn durch den demografischen Wandel sinken die Schülerzahlen, den Unternehmen fehlt Nachwuchs. "Deshalb müssen wir schauen, dass jeder eine Chance bekommt, einen Beruf zu erlernen", sagt der UVB-Sprecher und weist darauf hin, dass er das Ergebnis auch als Zeichen dafür sehe, dass man weiter über die Problematik aufklären muss.

Ausbildungsmarkt mit Problemen

Für Berliner Unternehmen wird es immer schwieriger, geeignete Lehrlinge zu finden. So meldete die Industrie- und Handelskammer (IHK) zum Ende der vergangenen Jahres, dass noch rund 450 Ausbildungsplätze aus dem im Sommer gestarteten Lehrjahr frei seien. Die Handwerkskammer (HWK) Berlin spricht für denselben Zeitraum von einem Mangel an rund 400 Azubis. Nimmt man zu den Azubis die Fachkräfte insgesamt dazu, werden der Berliner Wirtschaft bis 2015 nach Prognosen der IHK jedes Jahr durchschnittlich 49 000 qualifizierte Arbeitnehmer fehlen. Betroffen sind vor allem die Dienstleistungswirtschaft, das Gastgewerbe und die Informations- und Kommunikationsbranche.

Zusätzlich ist die Abbrecherquote bei Ausbildungen in der Hauptstadt besonders hoch. Nach Angaben der Vereinigung für Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg brach im Jahr 2011 etwa jeder dritte Berliner Azubi seine Lehre vorzeitig ab. Die Abbrecherquote lag bei 33,6 Prozent, wobei die meisten Ausbildungen schon im ersten Lehrjahr beendet wurden. Besonders hoch war die Zahl in den Handwerksberufen (46,9 Prozent) und im Bereich der Hauswirtschaft (40,3 Prozent). In der Industrie und im Handel lag sie bei 30,2 Prozent, im öffentlichen Dienst hingegen nur bei 8,4 Prozent.

Mehr Informationen zur "Assistierten betrieblichen Ausbildung" gibt es auf www.k-aba.de und unter 478 69-253/-252.

Jana Tashina Wörrle / jtw
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