Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt heimlich gemachte Fotos

Verbotene Blicke. Christine Bartels hat 1982 aus ihrem Wohnzimmmerfenster den Grenzstreifen an der Bernauer Straße fotografiert. (Foto: Dirk Jericho)

Mitte. "Ost-Sicht - Verbotene Blicke" heißt eine Ausstellung mit Mauerfotos, die DDR-Bewohner in der Bernauer Straße heimlich gemacht haben.

Aus dem Wohnzimmer hatte Christine Bartels freien Blick in den Todesstreifen an der Bernauer Straße Richtung Westen. Aus dem Küchenfenster auf der Ostseite der Wohnung ging der Blick direkt auf den Wachturm, der nur wenige Meter entfernt im Grenzstreifen stand. Zehn Jahre lang, von 1976 bis 1986, hat die heute 58-Jährige mit ihrer Familie in der Brunnenstraße 47 gewohnt. Die Hofwand war die Hinterlandmauer, die Wohnung schwebte förmlich über dem nachts beleuchteten Postenweg. Die Fotos aus den Wohnungsfenstern, die Christine Bartels 1982 heimlich gemacht hat, vermitteln ein mulmiges Gefühl. Die Aufnahmen sind seltene Dokumente der streng bewachten Grenzanlagen, die Bürger von der Ostseite gemacht haben. Das Fotografieren des sogenannten "antifaschistischen Schutzwalls" war strengstens verboten.

Irgendwann, als gerade kein Grenzer zu sehen war, drückte Christine Bartels auf den Auslöser. Warum konnte sie bei der Ausstellungseröffnung auch nicht mehr genau erklären. "Die Grenzanlagen haben sich ja ständig verändert, ich wollte das als Andenken für meine Kinder im Bild festhalten", sagt Bartels, die in den 1980-er Jahren Nachbarin vom langjährigen Mitte-Bürgermeister Joachim Zeller war. Der jetzige CDU-Spitzenkandidat für die Europawahl lebte damals auch dort in der Brunnenstraße, wo die Welt für DDR-Bürger zu Ende war.

Die brisanten Mauerfotos hat Bartels von einem guten Freund entwickeln lassen. Der hat die Negative sofort danach vernichtet, wie Bartels bei der Ausstellungseröffnung erzählte. Drei ihrer bedrückenden Fotos vom gruseligen Mauerstreifen sind jetzt in der Ausstellung "Ost-Sicht - Verbotene Blicke" zu sehen. Insgesamt 13 verbotene Fotografien hängen im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Gartenstraße Ecke Bernauer Straße; passend auf nackten Betonwänden. "Das sind Raritäten und wichtige Dokumente, die die Wirklichkeit der Mauer zeigen, die ja eine Gefängnismauer war", sagte Mauerstiftungsdirektor Axel Klausmeier. Zu sehen sind auch heimlich gemachte Fotos von Detlef Peuker, dem 1969 die Flucht über die Mauer in der Bernauer Straße gelang. Als Fluchthelfer wurde Peuker, der derzeit ein Buch über seine Erlebnisse schreibt, erwischt und zu viereinhalb Jahren Knast verurteilt. Nach drei Jahren wurde der gebürtige Braunschweiger aus seiner Rummelsburger Zelle freigekauft. In der Mini-Fotoausstellung sind auch heimlich gemachte Mauerfotos der Familie Hildebrandt zu sehen. "Für uns gab es in den 28 Jahren nicht einen einzigen Tag, an dem die Mauer nicht präsent war", sagte Jörg Hildebrandt, der an der Bernauer Straße aufwuchs und wegen des Mauerbaus 1961 sein Haus verlassen musste. Seine 2001 verstorbene Frau Regine - DDR-Bürgerrechtlerin und 1990 Arbeitsministerin in der ersten frei gewählten Regierung der DDR und später Sozialministerin in Brandenburg - fotografierte 1985 sogar heimlich die Sprengung der Versöhnungskirche im Grenzstreifen.

Die Ausstellung im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer, Gartenstraße / Ecke Bernauer Straße, ist bis 30. September dienstags bis sonntags von 9.30 bis 19 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Dirk Jericho / DJ
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