Ein Zuhause, das fremd ist

Berlin. Während die einen in Berlin ihre "große Liebe" sehen, fühlen sich andere in der Stadt als "Fremde unter Fremden". Das zumindest ist das Ergebnis der eingereichten Beiträge unserer Leser, bei der Frage, "Was bedeutet Heimat für mich in einer globalisierten Welt, in einer Stadt wie Berlin?" Unser Leser A. Müller schrieb der Redaktion: "Ich habe lange überlegen müssen, ob ich mich zu dem Thema äußern soll."

Denn ich bin kein gebürtiger Berliner, sondern ein Neubürger, der seit acht Jahren erfolglos versucht, hier eine neue Heimat zu finden. "Das wird ihnen auch sehr schwer fallen", sagte mir seinerzeit ein älterer Berliner am dritten Tag nach meiner Ankunft, als er meinte: "Wie kommen sie nur in ihrem Alter ( Jahrgang 1935 ) auf die verrückte Idee von Süddeutschland hierher zu ziehen, wo doch gerade viele Berliner dabei sind, die Stadt zu verlassen?" Seine Worte wirken heute noch nach und haben mich für das Thema besonders sensibilisiert.

Der Ort der Kindheit

Für mich ist Heimat der Ort, an dem ich geboren wurde und zusammen mit meiner Schwester aufgewachsen bin und die Deutsche Sprache gelernt habe. Auf deren Straßen ich das Laufen und später das Fahrradfahren gelernt habe und zur Schule gegangen bin. An dem ich im Zweiten Weltkrieg das Bombardement mit knapper Not überlebt und schlimmste Erfahrungen mit der Angst, dem Leid, dem Tod und dem Hunger gemacht habe. An dem die Weichen meiner beruflichen Zukunft gestellt worden sind, ich Freundschaften geschlossen habe und der ersten Liebe begegnet bin. An dessen Rheinufer ich oft gesessen und verträumt den Schiffen nachgesehen habe, und dabei zum ersten Mal Fernweh gespürt habe.

Der von der großartigen Kulturlandschaft des oberen Mittelrheintales - des UNESCO Welterbes -, Deutschlands größtem Strom, dem Rhein, seinen bis zum Waldrand reichenden Weinbergen und Kulturdenkmälern, den Burgen und Schlössern und nicht zuletzt von der Rheinromantik geprägt ist.

Als ich mit zwanzig Jahren meine Heimat verlassen habe, spürte ich beim Abschied Wehmut. Mir wurde instinktiv bewusst, dass möglicherweise gerade etwas Unwiederbringliches geschehen war, was sich, auch tatsächlich Bewahrheitet hat. Ich glaube deshalb, dass es für mich etwas vergleichbares wie meine alte Heimat nicht geben wird.

Kritik an der Stadt

Berlin käme nur als sogenannte zweite Heimat infrage. Was ich aber leider auch verneinen muss, weil: Die Größe der Stadt, mit allem was sie laut und hektisch macht, nicht meiner Vorstellung entspricht. Das an vielen Stellen verdreckte Stadtbild mit seinen Gravitier verunstalteten Häusern und verschmutzten Gehwegen, kaputten Straßen und bettelnden Menschen ein Dorn im Auge sind. Ich hin und wieder so meine Schwierigkeiten mit der Berliner Mentalität und der sehr direkten Umgangssprache habe, die sich gelegentlich so kalt anfühlt, wie der Betonbau der Berliner-Philharmonie. Die Verantwortlichen der Stadt nicht in der Lage sind, geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die sich in einigen Stadtbezirken herausbildende Parallelgesellschaft zu verhindern. Der Berliner Alltag uns ein aus meiner Sicht Multikulturelles-Gesellschaftsbild vor Augen führt, das nicht überzeugen kann. Mich irritiert, dass sich vermehrt Migranten in dritter Generation mit einem Kopftuch beflaggen, um uns, religiöse Gründe ausgenommen, vor Augen zu führen, nicht zu uns gehören zu wollen.

Wer wie ich, sich in unserer Stadt wie ein Fremder unter Fremden vorkommt, von denen viele nicht in deutscher Sprache kommunizieren, dem ist nicht heimatlich zu mute. Geborgenheit und Wohlbefinden fühlen sich anders an. Darüber hinaus vermittelt unsere weltoffene Stadt das Gefühl von Narrenfreiheit, die viele zum Nachteil unserer freiheitlich, demokratischen Werteordnung missbrauchen.

Egoistisches Eigenleben

Deutschland hat sich in Jahrzehnten zu einem modernen demokratischen Rechtsstaat entwickelt. Berlin stand dabei immer im Mittelpunkt. Und es ist in all den Jahren auch dem hartnäckigen, tapferen Widerstand der Berliner zu verdanken, dass Deutschland wiedervereinigt ist. Inzwischen sind die Folgen der an den Tag gelegten ungezügelten Weltoffenheit zu beklagen. Die Stadt hat sich zu einem Magnet für all jene entwickelt, die ungehindert ihr egoistisches Eigenleben auf Kosten der Allgemeinheit führen. Das betrifft sowohl die in einigen Bezirken existierende Parallelgesellschaft, die selbst unsere Polizei meidet, als auch all jene Mitbürger, die, aus welchen Gründen auch immer, in unserer Weltstadt abgetaucht sind.

Außerdem stehe ich sehr kritisch den unzähligen Berlin-Besuchern gegenüber, die es nur auf unser ausschweifendes Nachtleben abgesehen haben, das mancher Orts dem berüchtigten Ballermann auf Mallorca gleicht. So jedenfalls die Meinung vieler junger Leute. Diese Entwicklung verdirbt den Charakter unserer Stadt und macht erschreckend deutlich, dass die hier praktizierte Weltoffenheit zu nicht zu akzeptierenden Verwerfungen führt.

Wichtiger Grund für Zufriedenheit

Ich würde mir daher eine Bundeshauptstadt Berlin wünschen, die bei aller Weltoffenheit mehr Wert auf die Einhaltung unserer europäisch geprägten Wertekultur legt. Die allerdings, in Anbetracht der nicht mehr aufzuhaltenden Globalisierung, nur zu bewahren ist, wenn sich alle an unsere demokratischen und kulturellen Spielregeln halten. Wie so etwas geht, führen uns die Berliner Philharmoniker vor, indem sich alle Mitwirkenden an den für alle geltenden Notenblätter orientieren und im Fußball die geltenden Spielregeln beachtet werden. Verstöße ahntet der Dirigent und im Fußball der Schiedsrichter, mit der Maßgabe, grobes Verhalten mit dem Spielausschluss zu bestrafen. Wenn also globale und kulturelle Vielfalt für alle Heimat bei uns werden soll, muss die Politik die Rolle des Schiedsrichters übernehmen.

Wenn auch bisher Berlin nicht meine zweite Heimat geworden ist, so ist sie aber die bedeutende Stadt, in der ich mein Zuhause habe. Das ist für mich ein wichtiger Grund, um zufrieden zu sein. A.Müller.

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