„Ein gläsernes Rathaus wäre schön“: Interview mit Bürgermeister Stephan von Dassel

Stephan von Dassel (Grüne) ist der neue Bürgermeister von Mitte. (Foto: Dirk Jericho)

Mitte. Investitionen in Schulen und Verwaltung und eine transparente Informationspolitik – im Interview mit der Berliner Woche spricht der neue Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) über seine Pläne. Die Fragen stellte Dirk Jericho.

Sie sind der erste grüne Bürgermeister im Fusionsbezirk Mitte. Was werden Sie nach zehn Jahren SPD-Regentschaft im Citybezirk anders machen?

Stephan von Dassel: Bei mir zählt der gemeinsame Erfolg aller, unabhängig vom Parteibuch. Parteiübergreifend sind wir uns einig, dass der Personalabbau rückgängig gemacht werden muss. Mittes Verwaltung soll zukünftig für schnelle und kompetente Hilfe sowie transparente Entscheidungswege stehen. Einen Dienstwagen brauche ich dafür nicht – ich fahre weiterhin mit dem Fahrrad.

Die rot-rot-grüne Koalition im Senat verspricht ein „Jahrzehnt der Investitionen“. Mehr Geld für Schulsanierungen und die Stärkung der Bürgerämter oder Jugendämter stehen im Koalitionsvertrag. Was konkret haben Sie in Mitte vor?

Stephan von Dassel: Die Liste der dringend notwendigen Investitionen würde die ganze Zeitung füllen. Schulen, Grünanlagen, Radwege und nicht zuletzt die Rathäuser selbst – es gibt fast nichts, was nicht dringend saniert werden müsste. Natürlich geht es vor allem um Schulen. Die Toiletten vieler Schulen stinken im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Mehr Radverkehr und weniger Autos bekommt man nur, wenn es eine sichere und komfortable Radinfrakstruktur gibt. Dabei ist das Geld das geringste Problem. Wo es klemmt, sind die fehlenden Fachleute, die das ganze Geld verbauen. Darum liebe Bauingenieure, kommt zum Bezirksamt Mitte!

Welche drei Hauptziele wollen Sie in den kommenden fünf Jahren unbedingt erreichen?

Stephan von Dassel: Neben einer gut arbeitenden Verwaltung müssen wir bei der Integration vorankommen – nicht nur bei der der geflüchteten Menschen in unsere Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch bei denen, die schon lange hier leben. Ich will nicht akzeptieren, wie viele junge Menschen in unserem Bezirk die Schule ohne Schulabschluss verlassen. Bildung ist daher auch eines der wichtigsten Themen im Dialog mit Moscheen und Kulturvereinen, dem ich neuen Schwung geben will. Und natürlich müssen wir in den nächsten Jahren wieder mehr Wohnungen mit Mieten bekommen, die sich auch Normalverdiener leisten können. Neben guten Neubauprojekten, dem Kampf gegen die Verdrängung alteingesessener Bevölkerung und Gewerbetreibender werden wir auch unseren Kampf gegen illegale Ferienwohnungen fortsetzen müssen.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Stephan von Dassel: Die Obdachlosigkeit von immer mehr Menschen macht mir große Sorgen. Das sind sehr traurige menschliche Schicksale. Gleichzeitig kann unser Sozialstaat nicht das große Wohlstandsgefälle innerhalb Europas auffangen. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass uns öffentliche Flächen und Plätze entgleiten und sich die „normalen“ Berliner und Berlinerinnen dort nicht mehr Zuhause fühlen, sei es im Tiergarten mit dem illegalen Campieren oder rund um den Leopoldplatz mit seiner Alkohol- und Drogenproblematik. Durch die Zusammenarbeit von Verwaltung, Polizei und Sozialarbeit hoffe ich auf eine nachhaltige Verbesserung.

Mehr Bürgerbeteiligung und Dialog hat sich die neue rot-rot-grüne Berlinregierung auf die Fahnen geschrieben. Wo und wie können die Bürger zukünftig bei den bezirklichen Projekten und Vorhaben mitreden und mitbestimmen?

Stephan von Dassel: Daran arbeiten wir in Mitte grade intensiv, gemeinsam mit der BVV, vor allem aber gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern. Alle Menschen sollen wissen, warum grade etwas in Mitte passiert, was wir für die Zukunft planen und wo, wie und wann sich die Menschen mit ihren Ideen einbringen können. Dafür möchten wir noch dieses Jahr ein sogenannte Vorhabenliste erstellen, in der all diese Informationen gebündelt, veröffentlicht und ständig aktualisiert werden. Wir haben nichts zu verbergen, und ein gläsernes Rathaus wäre nicht nur optisch schön, sondern auch inhaltlich wünschenswert.

Ihre persönlichen Wünsche für das neue Jahr?

Stephan von Dassel: Ich wünsche mir ein friedlicheres Jahr, als es das letzte war – ohne Krieg, Terror, Vertreibung und mit Menschen mit offenem Herz und wachem Verstand.
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