Durch Schlamm in die Freiheit: Hans Liedtke floh 1961 durch den Kanaltunnel in der Neuen Grünstraße

Hans Liedtke vor der Infotafel am Haus Neue Grünstraße 16. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Fluchttunnel Neue Grünstraße |

Mitte. Einstieg zur Freiheit steht auf dem neuen Gullydeckel vor dem Haus in der Neuen Grünstraße 16, den der ehemalige Fluchthelfer Burkhart Veigel dem Berliner Unterwelten-Verein gestiftet hat.

„Der Drang war so stark“, sagt Gerda Liedtke auf die Frage, warum sie am 13. September 1961 das enorme Risiko der spektakulären Flucht nicht gescheut hat. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans und einem befreundeten Paar ist das damals 28-jährige Liebespaar durch die Kanalisation in den Westen geflohen. Nach zahlreichen Versuchen, die vier Wochen vorher dichtgemachte Grenze zu überwinden, hatte der Chemiker Hans Liedtke den Tunnel in der Neuen Grünstraße entdeckt. Zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung wurde jetzt eine Infotafel an den Neubau gehängt, vor dem noch heute der Einstieg in den Abwasserkanal ist. Einstieg zur Freiheit steht auf dem Gullydeckel, der den unterirdischen Fluchtweg markiert. Es gab in Berlin drei Hauptrouten durch Kanaltunnel, über die etwa 800 Menschen in die Freiheit flohen. Der Schacht unter der Neuen Grünstraße war der sicherste Fluchtweg, den es je gab. Niemand wurde verhaftet oder erschossen, darüber informiert die Infotafel, die jetzt am Hauseingang hängt. Allein 550 Menschen schafften es hier in den Westen, bis der Fluchtweg aufflog.

Es waren dramatische Stunden in jener Nacht des 13. September 1961. Hans Liedtke war der erste, für den der Kanal der Weg raus aus der DDR wurde. Die Flucht wäre beinahe gescheitert, weil ein Gitter im Kanal den Weg versperrte. Doch Gerda wühlte im Schlamm unter den Stäben und entdeckte die Lücke, durch die sich die Flüchtlinge zwängen konnten. Ein paar Tage später hat Fluchthelfer Burkhart Veigel die Gitter zersägt.

Die DDR, so viel war den Liedtkes nach dem Mauerbau klar, konnte nicht ihre Heimat bleiben. Über Stationen in Hamburg und Karlsruhe kamen Gerda und Hans Liedtke 1969 nach Nürnberg. Hier hat der promovierte Chemiker bis zu seiner Pensionierung in der chemischen Industrie gearbeitet.

Nürnberg ist bis heute die Heimat von Familie Liedtke. „Heimat ist da, wo die Familie ist“, sagt Gerda Liedtke. Ihre beiden Kinder wurden nach der erfolgreichen Flucht geboren. Hätte das Paar schon 1961 Kinder gehabt, „hätten wir das nie gemacht“, sagt Hans Liedtke. Er hatte Glück, und ohne Glück geht so was nicht, glaubt er. „Natürlich hatten wir immer Sehnsucht nach Berlin“, so der 82-Jährige. Der Kontakt zu den vielen Verwandten ist auch nie abgebrochen. DJ
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