Martin Matz über Chancen und Grenzen bürgerschaftlichen Engagements

Politik ist für Martin Matz zum Hobby geworden. Er war 2001-2006 Abgeordneter und 2006-2011 Sozialstadtrat in Spandau. (Foto: DWBO/Nils Bornemann)

Berlin. Als Vorstandsmitglied des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. ist Martin Matz auch Vorsitzender im Landespflegeausschuss. Zur Situation in der Pflege sprach unsere Reporterin Anett Baron mit ihm.

Wie ist die Situation in der Pflege?

Martin Matz: Trotz schwieriger Rahmenbedingungen ist es bewundernswert, mit wie viel Energie und Empathie Pflegekräfte arbeiten. Leider wird in der Pflege häufig nicht gut bezahlt. Die Wertschätzung der Gesellschaft für eine Tätigkeit drückt sich meist über den Gehaltsstreifen aus. Danach genießt der Pflegeberuf zu wenig Ansehen.

2030 soll es einen Pflegenotstand in Berlin geben - 26.000 Pflegekräfte würden fehlen. Ist das richtig?

Martin Matz: Die Schätzungen beruhen auf Fortschreibungen der jetzigen Situation. Die Größenordnung ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Wir werden mehr ältere Menschen in der Hauptstadt haben.

Welche Bereiche sind besonders betroffen?

Martin Matz: Sowohl der ambulante als auch der stationäre Bereich werden den Fachkräftemangel zu spüren bekommen. Es gibt Initiativen wie Daheim statt Heim. Sie engagiert sich für ein selbstbestimmtes Leben von Pflegebedürftigen zu Hause. Trotzdem bleibt die stationäre Pflege, wenn auch in veränderter Form. Die Verweildauer in Heimen wird kürzer, die Menschen kommen erst, wenn es zu Hause gar nicht mehr geht. Es wird aber mehr demenziell Erkrankte geben. Ihre Betreuung ist im häuslichen Umfeld nur bis zu einem bestimmten Punkt zu leisten.

Was muss Berlin tun, um mehr junge Leute für den Pflegeberuf zu gewinnen?

Martin Matz: Wichtigste Forderung ist die Abschaffung des Schulgeldes. Ein an einem Mangelberuf interessierter Mensch soll für die Ausbildung zahlen, das ist nicht zeitgemäß. Das Land Berlin sollte für die rund vier Millionen Euro aufkommen - eine eher geringe Summe im Gesamthaushalt. Die Politik könnte ein deutliches Zeichen für die Pflege setzen. Wir brauchen auch eine auskömmliche Bezahlung der Pflegekräfte. Damit meine ich eine tariflich orientierte Entlohnung. Heute haben wir nur kleine Tarifinseln in einem großen Meer. Bei den meisten privaten Anbietern gibt es eine Tarifentlohnung gar nicht.

Wie viele Berliner engagieren sich ehrenamtlich in der Pflege und welche Aufgaben übernehmen sie?

Martin Matz: Es gibt keine genaue Statistik, aber es sind glücklicherweise Tausende. Gute stationäre Pflegeeinrichtungen versuchen immer, sich mit dem engagierten Umfeld in den Stadtteilen zu vernetzen. Die Einrichtungen wollen in der Nachbarschaft ankommen. Die Verbindung wird durch die Koordinierung der Freiwilligenagenturen in den Bezirken gestärkt. Ein besonderes Ehrenamtsprojekt in der Pflege ist die Haltestelle Diakonie. Hier leisten Ehrenamtliche zusätzliche Betreuung von Menschen mit Demenz. Sie organisieren z. B. Besuchsdienste und entlasten so pflegende Angehörige.

Lässt sich hauptamtliche und ehrenamtliche Pflege überhaupt voneinander trennen?

Martin Matz: Da gibt es klare Grenzen! Gutes Engagement ist eine Ergänzung und kein Ersatz. Dafür braucht es hauptamtliche Koordinierung. Die Pflegekräfte sind durch die staatlich verfügte Minutenpflege immer unter zeitlichem Druck. Ehrenamtliche können Pflegebedürftigen durch einfache Dinge das Leben erleichtern, zum Beispiel durch ein bisschen Vorlesen oder indem sie Zeit mit ihnen verbringen.

Geht es in der Pflege überhaupt ohne das Ehrenamt?

Martin Matz: Ja, die Versorgung ist gewährleistet. Sie ist aber auf das Pflegerische im engeren Sinn beschränkt, obwohl dazu eigentlich mehr gehört. Die ganzheitliche Pflege wollen wir mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff erreichen, der auch Menschen mit Demenz mit einschließt. Pflege bleibt dann nicht auf die körperliche Grundpflege begrenzt. Hier muss die Bundesregierung zügig handeln!

Wie lässt sich das pflegebegleitende Engagement fördern?

Martin Matz: Gut sind die vielen Anlaufstellen für Interessierte wie die Pflegestützpunkte oder Kontaktstellen PflegeEngagement. Besonders erfolgreich ist es, wenn ein oder zwei hauptamtliche Mitarbeiter für Ehrenamtsprojekte gefördert werden. Sie können 50 bis 100 Engagierte in der Nachbarschaft vernetzen. Natürlich wollen wir uns vor Ort auch nach den Wünschen der Engagierten richten, denn sie spenden ihre wertvolle Zeit.


Anett Baron / AB
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