"Nur tiefer gelegt": Sprüche und Motive für die Gräber

Knotenbepflanzung nennt sich diese Anreihung von Immergrünen auf Gräbern. Ähnlich wie für Irrgärten werden hier Pflanzen in Linien über die Fläche geführt, teils laufen sie ineinander. (Foto: Roland Wagner)
 
Der Verstorbene war Fan der Fernsehserie "Star Trek". Seine Angehörigen ließen das Raumschiff Enterprise in seinen Grabstein fräsen. (Foto: Thorsten Benkel/Matthias Meitzler)

Humor ist auf dem Friedhof meist nicht angebracht. Und doch findet man immer häufiger Grabsteine, die einen mindestens schmunzeln lassen: Da steht etwa "Nur tiefer gelegt", "Nun gönnt mir meine Ruhe, Jupp" oder einfach "Alles scheiße" auf dem Stein.

Auch die Form und Eingraviertes wird ungewöhnlicher: "Ein Grabstein hat die Form eines Handys, an einem anderen ist ein echter Tankdeckel angebracht, aus dem Grabstein eines Gastwirtes ragt ein authentischer Zapfhahn heraus", berichtet der Buchautor Matthias Meitzler von seinen Recherchen auf Friedhöfen. Es gibt Grabsteine mit eingraviertem Laptop für den Computernerd, Skateboards oder Musikinstrumente sind darauf abgelegt, oder es wurde der Umriss eines Raumschiffs für Star-Trek-Fans eingefräst.

"Sie überraschen uns und machen sprachlos, weil sie auf besonders ergreifende, skurrile, drastische, provokante, kreative, irritierende, erschreckende wie humorvolle Weise vom Standard abweichen", beschreiben die Soziologen Thorsten Benkel von der Universität Passau und Matthias Meitzler von der Universität Frankfurt am Main ihre Funde nach Besuchen von 700 Friedhöfen für ihren Bildband "Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe".

"Sie mögen auf dem Friedhof zunächst recht eigensinnig wirken und für manche ein gewöhnungsbedürftiger Anblick ein", sagt Benkel. "Dennoch machen sie auf beeindruckende Art und Weise deutlich, wie vielfältig Menschen heutzutage trauern. Auch Humor, Sarkasmus und Ironie können Formen von Trauer sein, die mittlerweile ihren Platz auf dem Friedhof gefunden haben." Vor allem aber geht es um eines: um den Verstorbenen. Die Angehörigen wollen nicht mehr nur einen Stein setzen, Namen und Lebedaten nennen.

Das sieht Friedhofsgärtner Heiko Euler ähnlich. "Ich frage erst einmal: Was war er für ein Mensch, was hat er geliebt, was hat er gearbeitet, welche Hobbys hatte er?" Dann kreiert der Gärtner ganze Szenen auf der Grabfläche, etwa für passionierte Bergsteiger einen Steingarten mit Bergkiefern.

Grund für diese Veränderung bei der Grabgestaltung liegt in einem Wertewandel, urteilen die Soziologen Benkel und Meitzler. Kollektive Maßstäbe, an denen man früher sein Leben ausrichtete und die den Lebenslauf damit auch mehr oder weniger absehbar machten, verlieren an Bedeutung. Heute gilt: "Man muss sich durchbeißen oder man verliert", sagt Meitzler. Wichtiger als gemeinsame Glaubenssätze sei die individuelle Lebensleistung. Zugleich kehren immer mehr Menschen den Religionen den Rücken, Kreuze oder Symbole für ewiges Leben kommen daher nicht auf ihre Gräber.

Ganz neu ist diese Entwicklung zu individuellen Gräbern aber nicht, sagen die Buchautoren. Fotos der Verstorbenen, Tierbilder, Symbole für den Lieblingssport kommen schon seit einiger Zeit vor. Heute werden aber auch QR-Codes auf den Gräbern angebracht. Wer diese mit seinem Handy scannt, findet Informationen zu dem Verstorbenen im Internet.
dpa-Magazin / mag


Literatur: Thorsten Benkel und Matthias Meitzler: "Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe", KIWI Verlag, 234 Seiten, 8,99 Euro, ISBN: 978-3462046083.
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