Künstler trifft Trümmerfrauen für eine Porträtserie

Der britische Künstler Mark Alexander spricht mit den Seniorinnen am Hansa-Ufer über ihre Zeit als Trümmerfrauen. (Foto: KEN)

Moabit. Ohne den von Hitler-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg, dessen Ende sich 2015 zum 70. Mal jährt, hätte es kein zerstörtes Berlin gegeben - und keine Trümmerfrauen. Einige von ihnen haben unlängst einen britischen Künstler empfangen.

Wenn die Seniorinnen vom Hansa-Ufer 5 einmal nicht um ihr Haus an der Spree kämpfen, lassen sie sich gerne von einem interessanten Kunstprojekt begeistern. Das Jubiläum "25 Jahre Mauerfall" naht. Mark Alexander ist in die Stadt gekommen. "Damals, 1989, hatte ich das Ereignis nicht so sehr auf meinem Schirm. Ich war mit anderem beschäftigt. Ich habe in einer Kleinstadt in Gloucestershire in einer Fabrik gearbeitet", erinnert sich der Künstler.

Der Fall der Mauer habe ihn überrascht und gefreut. "Erst als ich im Jahr 2000 zum ersten Mal nach Berlin gekommen bin, habe ich das Außergewöhnliche des Mauerfalls begriffen. Die deutsche Wiedervereinigung ist für mich ein geglücktes Experiment." Derzeit lebt und arbeitet der 48-Jährige auf Einladung der Beethoven-Stiftung in Bonn.

Anfang nächsten Jahres will er fest nach Berlin ziehen und sein neues Projekt beginnen: Porträts von Trümmerfrauen nach privaten Fotos aus der Zeit um 1945 oder davor. Es kommt ungewöhnliches Material zum Einsatz: märkischer Sand, ein wenig Acrylfarbe, Leim. Vorbild ist Pablo Picasso. Er malte so das Porträt eines Mädchens während seiner klassischen Periode.

"Ich mag Frauen", sagt Mark Alexander über den Anstoß für sein Projekt. "Ich bin von ihnen beeindruckt. Denn sie müssen sehr stark sein, überall auf der Welt." Die Trümmerfrauen hätten ihn besonders berührt. Nach dem durchlebten Trauma des Krieges - und für ihn als Brite klinge Trümmer wie Trauma - hätten sie körperlich hart arbeiten müssen.

Nachdem der Künstler, der seit 1999 regelmäßig in Berlin, New York und London ausstellt, seine Idee im Gemeinschaftsraum der Seniorinnen erläutert hat, sind alle Feuer und Flamme. Sie versprechen, unverzüglich in alten Foto-Alben nach den gewünschten Aufnahmen zu suchen und sie erzählen aus der schweren Zeit zwischen Pferdekadavern in der Seydlitzstraße und Trümmerschutt.

"Jeden Tag Steine klopfen", erinnert sich die eine. Und daran, wie sie von einem Offizier der Roten Armee vor der Ankunft von Kameraden auf der Suche nach deutschen Frauen gewarnt worden seien.

Eine andere Bewohnerin erzählt von ihrer Zeit als Bootsmann auf einem Spreekahn, mit dem Schutt aus Berlin zum Löcherstopfen unter anderem nach Potsdam transportiert wurde. Eine Dritte war damals im Ostteil der Stadt.

Auch dort wurden Frauen zu Aufräumarbeiten und Dienstleistungen für die Rote Armee herangezogen: in der Munitionsfabrik übrig gebliebene Granaten aus deutscher Produktion für Russland einfetten oder in der Kaserne in großen Bottichen von Hand Wäsche der Rotarmisten waschen.

Mark Alexander hört den Berichten der Seniorinnen aufmerksam zu. "Das sind Informationen aus erster Hand", sagt er. Das sei etwas ganz anderes, als wenn man darüber lese oder Berichte im Fernsehen sehe. "Ihre Geschichten sind ihnen ins Gesicht eingeschrieben."

Ende Februar will der britische Künstler mit der Arbeit an den Porträts beginnen. Sie werden anschließend in einer Berliner Galerie gezeigt.


Karen Noetzel / KEN
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