88 Stolpersteine für die Thomasiusstraße

Oliver Geiger und seine Nachbarn wollen mit Stolpersteinen an alle bekannten Opfer ihrer Straße erinnern. (Foto: Liptau)

Moabit. Beinahe in jedem Haus gab es Opfer: Mit insgesamt 91 Stolpersteinen wollen die heutigen Bewohner der Thomasiusstraße an ihre ehemaligen Nachbarn erinnern, die während der Nazizeit deportiert und ermordet wurden.

Vor gut einem Jahr wurde der Stolperstein für Walter Weisstein in der Thomasiusstraße 3 verlegt. Oliver Geiger, der im Nebenhaus wohnt, sieht darin ein Problem. "Gewissermaßen ist das geschichtsverfälschend oder zumindest irritierend. Man geht jetzt davon aus, dass hier nur ein Opfer gewohnt hat." Insgesamt sind aber die Namen von 14 Menschen bekannt, die allein aus diesem Haus deportiert worden sind. "Nicht mal an die Ehefrau von Weisstein wird erinnert." Ein Stolperstein des Kölner Künstlers Gunter Demnig wird immer nur dann verlegt, wenn ein "Pate" sich für die Ehrung eines bestimmten Nazi-Opfers einsetzt und den Stein für 120 Euro verlegen lässt. Gemeinsam mit einigen seiner Nachbarn strebt Geiger jetzt eine Art kollektive Patenschaft für alle bekannten Opfer seiner Straße an. Für alle 94 deportierten und ermordeten ehemaligen Bewohner soll es einen Stein geben. Drei Steine sind in der Straße schon verlegt, drei andere Opfer haben an anderer Stelle bereits einen Stolperstein. Bleiben also 88, die in der Thomasiusstraße wieder in Erinnerung gerufen werden sollen.

Seitdem die Initiatoren im Mai angefangen haben, vor Ort für die Aktion zu werben, sind schon 75 Patenschaften entstanden. 39 Paten haben sich gefunden, 31 davon leben heute selbst in der Thomasiusstraße. Bleiben also 13 Steine, die bis zur geplanten Verlegung im kommenden Jahr noch finanziert werden müssen. "Es geht uns aber nicht nur darum, das Geld zusammenzukriegen", stellt Geiger klar. Die "nachbarschaftliche Dynamik", die sich in den vergangenen Wochen entwickelt habe, führe vielmehr dazu, dass sich die heutigen Bewohner die Geschichte ihrer Straße bewusst machen. Der Großteil der Paten recherchiere auch die genauen Lebens- und Todesumstände der Opfer, die im Internet in eine Datenbank eingetragen werden. "So haben wir am Ende mehr als nur den Namen, Geburts- und Sterbedatum", unterstreicht Geiger. Insgesamt, so hofft er, entstehe durch die Aktion ein "Gefühl für das Ausmaß" dessen, was in der eigenen Straße während der NS-Zeit passiert ist.

Die Verlegung soll in etwa einem Jahr erfolgen. "So haben wir noch genug Zeit, weiter zu recherchieren und die noch fehlenden Paten zu finden."

Wer die Patenschaft für einen der Steine übernehmen möchte, kann sich bei Oliver Geiger melden per E-Mail an stolpersteine.moabit@gmx.de. Weitere Infos zu Stolpersteinen in Berlin und den gewürdigten Personen gibt es unter www.stolpersteine-berlin.de.

Ralf Liptau / flip
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