Verordnete fordern Barrierefreiheit in der Markthalle

Wie schwer es Sehbehinderte auf der Straße haben, konnten Verordnete selbst mit Simulationsbrillen ausprobieren. (Foto: KEN)

Moabit. Im Rahmen des Bund-Länder-Förderprogramms "Aktive Zentren" sollen die Turmstraße und ihre Seitenstraßen auch baulich umgestaltet werden. Aber inwieweit gibt es Barrierefreiheit?

Darüber haben Bezirksverordnete während eines kleinen Rundgangs im Kiez und anschließend im Ausschuss für Soziales und Bürgerdienste gestritten. Im Fokus stand die Arminius-Markthalle. Während für Verkehrssicherheit und Barrierefreiheit rund um das Gebäude demnächst Gehwege verbreitert, Kopfsteinpflaster durch Asphalt ersetzt, Bordsteine abgesenkt und sogenannte Gehwegvorstreckungen installiert werden, sieht es damit bei der Markthalle schlecht aus.

In die Gaststätte "Zunftwirtschaft" kommt man nur über eine zehn Zentimeter hohe Kante. Immerhin soll sie eine mobile Rampe haben. Schwieriger ist der Zugang zur Markthalle: Rollstuhlfahrer können die alten schweren Türen nicht allein aufstoßen. Am Seiteneingang verwehrt eine Drehtür Menschen mit Behinderung den Zutritt. Wer als Behinderter dann in der Halle ist und mal muss, steht vor dem nächsten Problem: Nur über zwei Stufen geht es zum Klo.

Automatisierte Türen und barrierefreie Toiletten fordern die Verordneten. Dem steht bislang nicht nur der Denkmalschutz entgegen. "Es geht nicht", sagt Markthallenleiter Yiannis HD. Kaufmann. Aus baulichen und aus finanziellen Gründen. Für einen Umbau der Toiletten fehle schlicht der Platz, für eine Erweiterung in den Hallenraum hinein auch. "Die Halle ist zu 100 Prozent vermietet", sagt Kaufmann. Das Umrüsten der alten schweren Türen würde pro Eingang rund 50 000 Euro kosten. Den Seiteneingang mit der Drehtür würde Yiannis Kaufmann ohnehin am liebsten ganz schließen. Den früheren Lieferanteneingang nutzten nur zehn Prozent der Markthallenbesucher. "Wir sind eigentlich keine Verhinderer", sagt Yiannis Kaufmann. Seiner Zunft AG, die die Halle 2010 auf 50 Jahre gepachtet hat, fehlt schlicht das Geld.

Hildrun Knuth ärgert sich, dass noch nicht einmal Planungen für ein Behinderten-WC in der Markthalle vorliegen. Vorbild könnte die Marheineke-Halle sein, sagt die Behindertenbeauftragte des Bezirks. Allerdings ist die Kreuzberger Markthalle nicht denkmalgeschützt. "Barrierefreiheit ist eine Lebenseinstellung", betont Knuth im Ausschuss. "Es geht um alle Menschen, die hier wohnen." Es gebe ein Recht auf Teilhabe und das Recht auf Barrierefreiheit. "Dass das Letztere immer noch erkämpft werden muss, ist tragisch."

Thorsten Lüthke (SPD), Vorsitzender des Ausschusses für Soziales und Bürgerdienste, merkte an, dass Berlin in der Frage öffentlicher Toiletten längst andere Wege beschreite. Die Wall AG betreibe für die Stadt kostenpflichtige WC-Anlagen. Es gebe noch ein anderes Modell, die "nette Toilette": Rathaus-Café und das Café am Park haben mit der Stadt vertraglich vereinbart, dass deren kontrollierte und gepflegte Toiletten umsonst benutzt werden können. Allerdings, so Holger Weichler vom Geschäftsstraßenmanagement Turmstraße, seien von den 350 ansässigen Geschäften und Gaststätten im Fördergebiet nur 45 Prozent barrierefrei.

Nach dem Willen des Ausschusses soll das Bezirksamt gemeinsam mit der Zunft AG und der Denkmalschutzbehörde prüfen, wie aus Mitteln des Aktiven Zentrums in der Arminiushalle die Toilette und die Eingangstüren behindertengerecht umgebaut werden können.

Weiterhelfen kann zunächst die Online-Karte www.wheelmap.org zum Suchen und Markieren rollstuhlgerechter Orte.

Karen Noetzel / KEN
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