Erfolgreicher Kampf mit den Buchstaben: Hilfe für Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können

Nicht viele hatten den Mut, sich fotografieren zu lassen: Nikola Amrhein (2.v.l.) mit einigen Lehrgangsteilnehmern. (Foto: Schilp)

Neukölln. Jeder siebte Deutsche, so wird geschätzt, kann kaum lesen und schreiben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen sind diese Menschen durch die Maschen des Bildungsnetzes gerutscht. Die Neuköllner Volkshochschule (VHS) bietet einen kostenlosen Alphabetisierungslehrgang an, um sie fit fürs Berufsleben zu machen.

Thorsten ist 55. Er stammt aus einer Familie, in der es viel Streit und wenig Zuwendung für die vielen Kinder gab. Er landete in der Sonderschule, verdingte sich als Kraftfahrer. Er habe oft getrickst, um sein Manko zu verbergen, sagt er. Auch seine ehemalige Freundin kannte die Wahrheit nicht. „Sie kam aus dem Ausland. Eine Deutsche hätte sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt.“

Es sei schwer, als Fast-Analphabet durchs Leben zu kommen, das Selbstbewusstsein sei am Boden. Doch irgendwann nahm Thorsten seinen ganzen Mut zusammen. „Ich habe mich beim Arbeitsamt geoutet. Das war sehr, sehr unangenehm.“ Dennoch ist nicht zu überhören, dass er den Schritt gerne früher getan hätte.

Seit gut zwei Jahren kommt er ins Lernhaus an der Werbellinstraße 77, an fünf Tagen in der Woche. Er besucht inzwischen den höchsten, den B-Kurs. Er liest schwierigste Wörter, schlägt Begriffe im Lexikon nach, kennt sich mit Groß- und Kleinschreibung aus. „Für mich ist es manchmal noch schwer, gleichzeitig zu lesen und zu begreifen“, räumt Thorsten ein. „Textverständnis“, nickt Lehrerin Sabine Pfeiffer, „genau darum geht es.“ Außerdem übt sie mit ihren Schülern, Schreiben zu verfassen: Briefe, Protokolle, Bewerbungen.

Es war eine Bewerbung, die für Tomi den Ausschlag gab. Er wollte als BVG-Fahrer anfangen, rasselte aber beim Einstellungstest durch. Da hatte er die Nase endgültig voll. Obwohl der 46-Jährige Schulabschluss und Tischlerausbildung vorweisen kann – richtig lesen und schreiben lernte er nicht. Verantwortlich seien seine ersten Schuljahre. „Bis ich elf war, wurde ich ständig zwischen Serbien und Deutschland hin- und hergeschoben“, erzählt er. Er macht es besser als seine Eltern und ist stolz auf seine Tochter, die aufs Gymnasium geht.

Nikola Amrhein ist bei der VHS für den Lehrgang verantwortlich. Wichtig sei, dass hier jeder jeden kenne, die Atmosphäre familiär sei, mittags gemeinsam gegessen werde. Keine der drei Lerngruppen habe mehr als zehn Schüler. Bei persönlichen Problemen sei immer ein Ansprechpartner greifbar. Denn es geht um mehr als Wissensvermittlung. „Viele haben ihr Vertrauen in Schulen verloren, haben ein geringes Selbstwertgefühl, machen Fehler, weil sie sich nichts zutrauen. Andere quälen so große Zukunftssorgen, dass sie sich schlecht konzentrieren können.“

Der Einstieg in den Lehrgang ist – nach einem Einstufungstest – jederzeit möglich. „Die meisten Teilnehmer beziehen Hartz IV. Wir regeln alles mit dem Jobcenter, damit sie weiter Geld bekommen“, sagt Amrhein. Elementar seien der Wille zu lernen, das Durchhaltevermögen und Pünktlichkeit.

Fast alle Anfänger sind „funktionale Analphabeten“: Mit einfachen Wörtern kommen sie einigermaßen klar, mit längeren Texten sind sie überfordert. Dass jemand überhaupt nicht lesen und schreiben kann, ist selten.

Bei der 36-jährigen Muradija war es aber so. Sie sitzt im V-Kurs, V steht für Vorbereitung. Die Mutter von vier Kindern spricht sehr gut deutsch, hat aber nie gelernt, ein einziges Wort zu entziffern. In Bosnien sei sie nicht zur Schule gegangen, ihre Familie habe das für unnötig gehalten, erzählt sie. Nun wechselt sie sich mit ihren Mitschülern im Lesen ab, alle sind eifrig bei der Sache. Häufige Wörter wie „schön“ oder „kaufen“ werden schnell erkannt, bei schwierigen wie „geheiratet“ gerät so mancher ins Stocken. Bei Hadschi läuft es recht gut, allerdings längst nicht so gut wie früher. Vor 20 Jahren hatte er einen Motorradunfall; die schweren Kopfverletzungen ließen ihn das Lesen und Schreiben vergessen. Erst jetzt wagt er einen systematischen Neuanfang.

Auf dem Lehrgangslehrplan stehen auch Mathematik, PC-Fertigkeiten, Berufsvorbereitung und Allgemeinbildung, wozu auch Geschichte gehört. Damit sind gerade die sechs Teilnehmer des mittleren, des A-Kurses beschäftigt. Sie blicken konzentriert auf ihre PC-Bildschirme, sammeln Fakten zum Thema „Antike“, wählen Wichtiges aus und fügen es zusammen. Lehrerin Yasemin Suzan Focali gibt Tipps zur Internetrecherche. „Es geht hier um alle möglichen Wissensgebiete, von Physik über die politischen Strukturen im Bundestag bis zum Ökokreislauf“, sagt sie.

Wie lange es dauert, um fit für den Beruf zu werden, hängt laut Nikola Amrhein vom Einzelnen ab. Im Schnitt zwei bis drei Jahre. Einige wenige seien schneller. Zu ihnen gehört Krankenschwester Daniela, eine Frau, die viel weiß und schon vor dem Lehrgang einigermaßen zurechtkam. Ohne Korrekturleser ging es allerdings nicht. Das ändert sie nun. Sie hatte es schwer im Leben: im Heim aufgewachsen, ein traumatisiertes Kind, das erst mit sieben Jahren sein erstes Wort sprach.

Wer sich für den Lehrgang interessiert, wende sich an Nikola Amrhein. Eine persönliche Beratung ist dienstags bis donnerstags, 9.30 bis 12 Uhr, in der VHS, Boddinstraße 34, Raum B1.42, möglich. sus

Infos unter  902 39 36 90 und Nikola.Amrhein@bezirksamt-neukoelln.de
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