Neuköllner erarbeiten Broschüre über den Ersten Weltkrieg

Er war Installateur, lebte in der Erkstraße und machte gerne Musik: Der Neuköllner Willi Casper starb 25-jährig im heutigen Litauen. (Foto: Privatbesitz Margit Rose-Schmidt)
Berlin: Martin-Luther-Gemeinde |

Neukölln. Auf Initiative der Pfarrerin Anja Siebert-Bright formierte sich im vorigen Jahr eine Geschichtswerkstatt in der Martin-Luther-Gemeinde. Sie erarbeitete eine Dokumentation, die anschaulich das Leben und Sterben der Menschen aus der nächsten Nachbarschaft präsentiert.

Willi Casper wohnte in der Erkstraße 7. Der Installateur musizierte gerne mit seiner Gruppe „Bellini Schrammeln“. Am 28. September 1912, seinem 23. Geburtstag, heiratete er Hedwig Gruschinske, die in der Wildenbruchstraße 83 eine Milchwirtschaft betrieb. Seine Tochter kam knapp drei Jahr später auf die Welt, aber da war Willi Casper schon tot. Er fiel er im Ersten Weltkrieg bei Kämpfen gegen die Russen.

Dass man nun etwas über Willi Caspers Schicksal weiß, ist den rund 20 Neuköllnern zu verdanken, die sich ein halbes Jahr lang mit der Geschichte dieses Krieges befasst haben. Sie hatten viele Fragen: Wie haben die Menschen der evangelischen Gemeinde in der Fuldastraße damals gelebt und gelitten, welche Verluste haben sie hinnehmen müssen? Und wie standen Kirche und Pfarrer zum Krieg?

Unter Anleitung der Kirchenkreisarchivarin Ursula Bach und Mitwirkung der Pfarrerin Anja Siebert-Bright stöberten die Hobbyhistoriker im Landesarchiv der evangelischen Kirche und im Museum Neukölln. Auch Briefe von der Front, Fotos, Tagebücher und Berichte von Nachkommen wurden herangezogen. In 15 Kapiteln belegt die soeben erschienene Dokumentation „Leben im Umfeld der Martin-Luther-Kirche im Ersten Weltkrieg“, wie die Menschen mit der damaligen Situation gelebt haben.

Beschrieben werden Einzelschicksale, Orte, die dem Krieg dienten, wie Lazarette, und die Haltung von Institutionen zum Krieg. „Anhand einer Straßengrafik von den Wohnorten der Gefallenen in der direkten Nachbarschaft zeigt sich, wie nah der Krieg gekommen ist“, sagt die Pfarrerin. Auch Gemeindezeitungen, in denen Gefallenenlisten und Predigten veröffentlicht wurden, waren ergiebige Quellen. „Ich fand es erschreckend, wie Pfarrer für den Krieg gepredigt haben und wie der Glaube missbraucht wurde für Kriegspropaganda und Gewalt über andere Menschen“, so die Pfarrerin, die sich selbst diesem Kapitel gewidmet hat.

Anja Siebert-Bright: „Heute hat unsere Gemeinde solche Zeiten hinter sich. Das gibt mir Hoffnung für die zahlreichen Gewaltherde auf der Welt, wo ebenso Politik und Glaube in gefährlicher Weise vermischt werden.“ SB

Die Dokumentation ist kostenlos erhältlich im Shop der Kirche in der Fuldastraße 50. Infos unter  624 68 05 oder www.martin-luther-neukoelln.
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