Namensgebung Kirsten-Heisig-Platz: Erinnerung an eine Richterin

Wenige Wochen vor ihrem Tod: Kirsten Heisig beim Interview mit der Berliner Woche an ihrem Arbeitsplatz im Amtsgericht Tiergarten, Juni 2010. (Foto: Sylvia Baumeister)
 
Im Bezirksparlament wurde die Umbenennung des Platzes an der Emser- Ecke Kirchhofstraße im November letzten Jahres beschlossen – mit Gegenstimmen der Linkspartei. (Foto: Sylvia Baumeister)
Berlin: Kirsten-Heisig-Platz |

Neukölln. Die 2010 verstorbene Jugendrichterin, die ab 2008 am Amtsgericht Tiergarten für Neukölln zuständig war, setzte sich für eine schnelle und konsequente Verurteilung junger Straftäter ein. Welche Motive trieben diese Frau an, sich so energisch gegen die Jugendkriminalität einzusetzen?

Immer, wenn das Stichwort „Neuköllner Modell“ fällt, wird ihr Name im gleichen Atemzug genannt. Dabei hat die 1961 in Krefeld geborene Jugendrichterin viel mehr getan, als dieses „besonders beschleunigte, vereinfachte Jugendverfahren“ anzuwenden, für dass es im Übrigen schon Jahre zuvor gesetzliche Grundlagen gab. Es ging ihr nicht um eine tolle Quote von Verurteilungen junger Straftäter, sondern darum, wirklich etwas zu bewegen. Zu oft hatte sie immer wieder die gleichen Jungs im Gerichtssaal vor sich gehabt, immer das gleiche Bild gesehen: Junge Männer mit Migrationshintergrund, die keine Reue zeigten, den Staat nicht ernst nahmen, ihre Opfer verhöhnten.

Daran wollte Kirsten Heisig etwas ändern. Ganz bewusst entschied sie sich deshalb 2008 dafür, den Bezirk Neukölln als zuständige Jugendrichterin zu übernehmen. In einem Interview mit der Berliner Woche begründete sie dies im Juni 2010, wenige Wochen vor ihrem Tod, so: „Ich kannte die Situation und wusste, dass dies der schwierigste Bezirk ist, deshalb setzte ich mich schon zuvor mit Polizisten, Jugendamt und Staatsanwälten zusammen, um das Neuköllner Modell zu entwerfen.“ Ganz offen und konkret trat Kirsten Heisig schon im Vorfeld an die wichtigsten Akteure im Bezirk heran, unter anderem an den damaligen Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).

Der fand die Idee zunächst ungewöhnlich. „Richter verhalten sich ja eigentlich nicht so. Aber Kirsten Heisig wollte ihre Rolle nicht erst am Ende der Straftaten übernehmen. Sie wollte vor allem die Probleme öffentlich machen“, erinnert er sich. Was folgte, waren zahlreiche Besuche in türkischen und arabischen Vereinen, bei denen Kirsten Heisig Kontakt zu den Eltern von potentiellen jugendlichen Delinquenten knüpfen wollte. In Zusammenarbeit mit dem Bezirk veranstaltete sie Diskussions- und Informationsabende, um auf das Problem aufmerksam zu machen und Eltern anzuhalten, auf ihre Söhne zu achten.

Mit Buschkowsky und weiteren Vertretern des Bezirks fuhr sie in mehrere europäische Städte, um sich Anregungen zu holen, wie dort mit dem Problem der unbelehrbaren jugendlichen Straftäter umgegangen wird. Viele der Menschen, die sie erlebt haben, bewundern noch heute ihre Energie, die Durchsetzungsfähigkeit, ihr Selbstbewusstsein. Aber Kirsten Heisig hatte auch Gegner. Kritisiert wurden sowohl ihre „harte Hand“, als auch ihre öffentlichen Auftritte, mit denen sie sich für den Geschmack mancher Zeitgenossen wohl zu sehr in den Mittelpunkt stellte. Auch der Vorwurf, Heisig würde die Probleme von Gewalt und Kriminalität in der Gesellschaft „ethnisieren“, tauchte immer wieder auf.

Die Kritik, die laut Buschkowsky zuweilen „kübelweise“ über sie ausgeschüttet worden sei, gab schließlich den Anstoß für Kirsten Heisigs Buch „Das Ende der Geduld“. Obwohl sie damit die Hoffnung verband, von ihren Gegnern endlich besser verstanden zu werden, nahm sich die Richterin, die auch private Probleme hatte und unter einer manischen Depression litt, nur wenige Tage vor seinem Erscheinen das Leben. In unserem Leben wird sie weiterhin ein Stück weit präsent bleiben. Mit dem Neuköllner Modell, das seit 2010 in allen Bezirken Berlins angewandt wird. Und einem Platz mitten in Neukölln, der nun ihren Namen trägt. SB
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