Autor Ramon Schack und Dr. Fritz Felgentreu (MdB) reden über Neukölln

Unterwegs in Neukölln: Ramon Schack (links) und Dr. Fritz Felgentreu beim Spaziergang durch den Kiez. (Foto: Sylvia Baumeister)

Neukölln. Im vergangenen Jahr lieferte der Journalist Ramon Schack mit seinem Buch "Neukölln ist nirgendwo" ein Gegenstück zu Heinz Buschkowskys (SPD) Buch "Neukölln ist überall". In einem Gespräch mit dem Neuköllner SPD-Vorsitzenden Dr. Fritz Felgentreu zeigt sich, dass ihre Sichtweise auf den Bezirk gar nicht so verschieden ist.

Herr Schack, Sie haben Ihrem Buch den provokanten Titel "Neukölln ist nirgendwo" gegeben. Inwieweit unterscheidet es sich von Heinz Buschkowskys Buch?

Ramon Schack: Das müssen in erster Linie die Leser feststellen. Ich betrachte mein Buch aber nicht als Gegendarstellung zu Buschkowskys Werk, sondern als kritische Ergänzung. Ich habe eine Momentaufnahme über Neukölln geliefert, einen Bezirk, der meiner Meinung nach zu den aufregendsten der Republik gehört. Der sich aber im Wandel befindet, auf einer Reise nach nirgendwo. Neukölln ist momentan gar nicht einzuordnen. Es ist mehr nicht der alte Problemkiez, aber auch noch kein Szenebezirk, sondern ein sehr interessantes Projekt.

Haben Sie das Buch gelesen, Herr Felgentreu?

Dr. Fritz Felgentreu: Ich hatte bisher leider noch nicht die Gelegenheit, Herrn Schacks Buch zu lesen. Herrn Buschkowskys Buch habe ich aber gelesen.

Im Parkgespräch "Talk im Körnerpark" Ende November, wo Sie Podiumsgast waren, ging es ja auch ums Thema, wie schlimm oder schön Neukölln wirklich ist. Sie hatten bei einer Abstimmung dafür votiert, dass sich die Lebenssituation der Neuköllner künftig verbessern wird. Warum?

Dr. Fritz Felgentreu: Ich bewerte den Zustand von Neukölln gar nicht so sehr anders als Herr Schack. Vielleicht gibt es da ein Missverständnis. Worum es Herrn Buschkowsky und der Neuköllner SPD geht, wenn wir die Formel "Neukölln ist überall" benutzen, ist, dass bestimmte Fehlentwicklungen sich überall in der Republik zeigen, in Neukölln aber besonders stark ausgeprägt sind. Neukölln ist ein Beispiel dafür geworden, was passiert, wenn sich solche Fehlentwicklungen über Jahrzehnte verfestigten und ungebremst fortsetzen. Mit den Folgen haben wir zu kämpfen.

Welche Folgen meinen Sie?

Dr. Fritz Felgentreu: Immer noch lebt ein Drittel der Bevölkerung von Transferleistungen, knapp 20 Prozent sind arbeitslos. Das Problem ist, dass so viele Kinder hier keine Vorbilder haben und nicht wissen, was es bedeutet, einer geregelten Beschäftigung nachzugehen. Dadurch pflanzen sich die gesellschaftlichen Probleme fort. Diesem wichtigen Komplex widmen wir unsere politische Arbeit. Die Entwicklungen, die Herr Schack beschreibt, haben damit relativ wenig zu tun. Die Kreativen und Künstler, die sich hier jetzt ansiedeln und den Bezirk voran bringen, kommen mit den "Ur-Neuköllnern" wenig in Berührung. Es gibt hier zwei Parallelgesellschaften. Die spannende Frage ist: Wie können wir die Energie der Vielfältigkeit in unserem Bezirk anzapfen, um auch den alteingessenen Neuköllnern zu nutzen und sie voran zu bringen?

Herr Schack, stimmt es Ihrer Meinung nach, dass es zwei Parallelgesellschaften in Neukölln gibt?

Ramon Schack: Dass die jungen Kreativen oder Studenten selten mit Leuten aus dem alteingesessen Milieu in Kontakt treten, ist richtig. Das merkt man schon daran, dass junge Leute ihre Kinder lieber nach Tempelhof in die Schule schicken. Verständlich, jeder möchte die bestmögliche Bildung für sein Kind, aber es verbessert Situation nicht.

Was könnte die Situation denn verbessern?

Ramon Schack: Ich habe mit Hartz IV-Empfängern gesprochen, mit Rechten, Studenten, Rentnern und Wohnungseigentümern. Das Kapital, das wir hier haben, könnten wir viel besser nutzen und fördern. Das ist aber nicht allein Sache des Staates, sondern auch des bürgerlichen Engagements. Ich kann eigentlich nicht verstehen, warum Herr Buschkowsky die wertvolle Arbeit des Fördervereins Morus 14 im Rollbergkiez nicht fördert. Die Arbeit des Vereins hat dazu geführt, dass die Kriminalitätsrate dort um 30 Prozent gesunken ist. Auch die Neuköllner SPD sollte diesen Verein mehr unterstützen.

Dr. Fritz Felgentreu: Ich kenne die Geschichte, wie Morus 14 entstanden ist und welche Entwicklungen dem vorangegangen sind. Dass die Kriminalität im Rollbergkiez merklich zurückgegangen ist, verdanken wir wesentlich dem damaligen Quartiersmanagement mit Gilles Duhem. Und auch ich habe meinen Beitrag geleistet, indem ich mich damals im Abgeordnetenhaus dafür eingesetzt habe, dass die Intensivtäterrichtlinie geschaffen wurde. Sie hat dazu geführt, dass die Intensivtäter immer bei denselben Polizisten und Staatsanwälten landen. Ich gebe Herrn Schack aber Recht: Eine positive Veränderung des Bezirks ist nicht nur Sache des Staates. In Neukölln haben wir berlinweit die höchste Zahl an ehrenamtlich Engagierten. Das zeigt doch, dass sich die Menschen für ihren Bezirk einsetzen.

Was erwarten Sie für Neukölln im neuen Jahr?

Ramon Schack: Wir werden leider wieder eine neue Debatte über Migration erleben. Denn seit dem 1. Januar gibt es die neue Freizügigkeit für Einwanderer aus den osteuropäischen Ländern. Es ist daher zu erwarten, dass die Debatte neu entflammt und Neukölln wiederum als abschreckendes Beispiel dargestellt wird. Ich hoffe, dass wir weiterhin daran arbeiten, das Image des Bezirks zu verbessern und Herr Felgentreu nicht vergisst, wofür er im Bundestag sitzt.

Dr. Fritz Felgentreu: Ich werde das richtige Leben in den Familienausschuss des Bundestags tragen. Dafür ist die tägliche Dosis Neukölln ganz wichtig. Im Übrigen erwarte ich, dass wir durch die Mietenbremse bald eine gewisse Entspannung bei der Mietendiskussion bekommen. Auch hoffe ich auf eine heiße Debatte um die Randbebauung des Tempelhofer Feldes. Ohne den Wohnungsneubau kann sich der Wohnungsmarkt nicht entspannen. Das muss jedem klar sein.


Sylvia Baumeister / SB
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