Idil Baydar als prollige Neuköllner Türkin erfolgreich

Die Kabarettistin und Schauspielerin Idil Baydar beim Interview in einem Café auf der Karl-Marx-Straße. (Foto: Sylvia Baumeister)

Neukölln. Lange suchte die Schauspielerin und Kabarettistin Idil Baydar nach der Rolle ihres Lebens. Mit der Neuköllnerin Jilet Ayse scheint sie diese gefunden zu haben. Auf YouTube wurden einige ihrer Videos schon über eine Million Mal angeklickt, als "Jilet of Germany" tritt Idil Baydar regelmäßig in der Bar jeder Vernunft auf.

Sie kommt aus Neukölln, ist 18 Jahre alt, hat ihren mittleren Schulabschluss erst kürzlich nicht geschafft und trägt stets eine billige Jogginganzug-Imitation: Jilet Ayse ist das Klischee einer prolligen Türkin. Ihre Schwester hingegen, die das Gymnasium besucht hat, übertreibe ihre ganz andere Rolle, indem sie auch noch Jilets Freund kritisiert. O-Ton Jilet: "Ey, isch reg misch voll auf, die spinnt wohl, diese Integrationsnutte. Mein Freund ist voll gut, geht über Schulhof wie Tony Montana, macht Geschäfte, dies und das und so, du weißt schon."

Kurz nach Erscheinen von Thilo Sarrazins umstrittenen Buch "Deutschland schafft sich ab" stellte Idil Baydar zum ersten Mal ein Video mit ihrer Kunstfigur Jilet Ayse bei YouTube ein - als trotzige Antwort auf so viel Gleichmacherei: "Ich fühlte mich fremder hier als je zuvor und dachte: Guck mal, Deutschland, ich bin eines deiner Kinder, aber trotzdem siehst du mich als etwas Minderwertiges", sagt die inzwischen 38-Jährige.

Aus dem niedersächsischen Celle, wo sie die Waldorf Schule besucht hatte und bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen war, kam Idil Baydar im Alter von 16 Jahren nach Berlin. "Plötzlich fragte mich hier jeder, warum ich so gut Deutsch spreche", erzählt sie.

Nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, wusste die junge Frau trotz großen Tatendrangs lange nicht, wohin sie eigentlich im Leben will. Sie spielte kleinere Rollen an Theatern, ließ sich zur Sterbehilfebegleiterin ausbilden, machte Jugendarbeit in freien Einrichtungen. An der Rütli-Schule, wo sie zwei Jahre lang half, Schüler in Kursen auf ihren mittleren Schulabschluss vorzubereiten, lernte Idil Baydar viele türkische Jugendliche kennen: "Ich fragte mich, warum die aus ihren Fähigkeiten nicht viel mehr machen."

Und sie fand auch Antworten: "Ich gehöre noch zur Generation der Angepassten. Die nächste Generation der Einwandererkinder hat gesehen: Das klappt sowieso nicht, also lassen wir das. Weil sie als Fremde wahrgenommen werden, entwickeln sie eine Identität, die diesem Fremdsein entspricht."

Den Kindern, die oft noch in Familien mit streng hierarchischen Strukturen aufwachsen, fehle zudem "Autorität von außen". Dass ihre Sozialkritik bei den Jugendlichen, denen sie einen Spiegel vorhält, falsch ankommt, glaubt Idil Baydar nicht. "Dafür überzeichne ich Jilet doch viel zu sehr."

In der Bar jeder Vernunft in der Schaperstraße 24 ist sie seit einem halben Jahr sowohl als "Jilet of Germany" als auch in der Rolle ihrer ersten Figur, der frustrierten und naiven Rentnerin Gerda Grischke, zu sehen. Die nächsten Auftritte sind am 13. Januar und am 16. Februar um 20 Uhr, Tickets kosten 24,50 Euro.

Sylvia Baumeister / SB
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