Eine Katastrophe: Proteste gegen Kündigungen in der Weißen Siedlung

"Es gibt hier sonst keinen Treffpunkt für uns", sagt Renate Böttner. (Foto: Schilp)
 
Täglich kommen rund 50 Jugendliche ins Sunshine Inn. Die drei gehören dazu. Foto: Schilp (Foto: Schilp)

Neukölln. Dem Jugendclub „Sunshine Inn“ und dem Nachbarschaftstreff „Sonnenblick“ in der Weißen Siedlung an der Sonnenallee 273 droht die Schließung. Der Gebäudeeigentümer hat ihnen überraschend zum Ende des Jahres gekündigt.

Dagegen haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene am 7. November gemeinsam demonstriert. Unter ihnen Renate Böttner, die zu den Stammgästen im Sonnenblick gehört. Sie kommt regelmäßig zum Mittagessen und Freitagsfrühstück, zum Mietertreff und anderen Veranstaltungen. „Besonders für uns ältere Menschen ist das hier ganz, ganz wichtig“, sagt sie. Die Umstehenden nicken.

Geboten wird aber nicht nur etwas für Senioren, sondern für Anwohner jeden Alters und jeder Nation. Es gibt viele Beratungs- und Freizeitangebote. „Ich möchte, dass meine Enkeltochter weiter zum Basteln kommen kann“, erklärt eine Frau. „Mein Mann gibt hier Geigenunterricht“, eine andere.

Dass der benachbarte Jugendclub ebenfalls dichtmachen soll, finden auch die Älteren übel. Die Sozialarbeiter vom Träger „Outreach“ würden gute Arbeit leisten, die Jugendlichen beraten und unterstützen. „Sie hätten sich früher mal die Zustände in der Siedlung anschauen sollen, schlimm. Es ist viel besser geworden“, sagt Renate Böttner.

Einer der jungen Besucher brachte es bei der Demo auf den Punkt: „Alle, die jetzt hier draußen stehen, sind normalerweise drinnen, im Sunshine Inn. Wenn das zu ist, sind wir alle draußen. Und was sollen wir dort machen?“

Sozialstadtrat Jochen Biedermann (Bündnis 90/Die Grünen) sagt, eine Schließung der beiden Einrichtungen wäre „eine Katastrophe für die Weiße Siedlung“. Denn die soziale Situation ist schwierig, Anlaufpunkte werden dringend benötigt. Mehr als 4000 Menschen leben hier, rund zwei Drittel haben ausländische Wurzeln. Die Kinderarmut liegt bei fast 80 Prozent.

Eigentümer des Gebäudes ist der niederländische Immobilienfonds „Brandenburg Properties“, der sich in Berlin von einer Beraterfirma vertreten lässt. Die Verhandlungen seien schwierig, aber er habe trotzdem noch einmal zum Gespräch geladen, so Biedermann. Von der Kündigungsabsicht weiß er schon seit einigen Wochen, aber bisher sei von einer Verlängerung der Verträge bis Mitte 2018 die Rede gewesen. Erst vor ein paar Tagen kam plötzlich die Nachricht: Schon Ende des Jahres soll Schluss sein. Der Eigentümer wolle das Gebäude anderweitig nutzen. Punkt.

Was sowohl Hamza El-Khalaf vom Jugendclub als auch Nachbarschaftstreff-Leiterin Eveline Krawczyk besonders aufregt: Erst in diesem Jahr haben ihre Träger 35 000 Euro in die Sanierung der Räume gesteckt. Mit Wissen und ausdrücklicher Genehmigung der Eigentümer. Das Sunshine Inn hat zudem erst Anfang August eine ganz neue Gruppe für „Lückekinder“ aufgemacht, die zu alt für den Hort und zu jung für einen Jugendclub sind. Ein großer Erfolg. „Und dann kommt ein paar Monate später einfach die Kündigung“, ärgert sich El-Khalaf.

„Hier würde sich wirklich einiges ändern, wenn die Einrichtungen geschlossen sind“, meint Krawczyk. Nicht zum Guten, das wissen auch die Politiker. Biedermann hofft, dass gemeinsam mit der „ADO Sonnensiedlung“ eine Lösung, sprich eine neue Immobilie, gefunden wird. Die Gesellschaft hat 2016 den Wohnkomplex von „Brandenburg Properties“ gekauft – mit Ausnahme des Gebäudes, in dem Jugendclub und Nachbarschaftstreff ansässig sind.

Der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck hat sich an den Senat gewandt und um Unterstützung bei der Suche nach einem neuen Quartier gebeten. Auch er appelliert an den Eigentümer, zumindest die Kündigungsfrist zu verlängern. „Es ist ein sehr großer Druck, innerhalb von zwei Monaten eine Lösung zu finden.“ sus
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