Eine Sache von zehn Sekunden: Nachts fahren "Müllsheriffs" auf Neuköllner Straßen Streife / Eine erste Bilanz

Bürgermeisterin Franziska Giffey, André Meglic vom Polizeiabschnitt 55, Security-Chef Michael Kuhr und Ordnungsamtsmitarbeiter Andreas Kolb. (Foto: Bezirkamt Neukölln/Karmann)
 
Die privaten Fahnder sind nachts mit Autos unterwegs. Foto: Bezirksamt Neukölln (Foto: Bezirksamt Neukölln)

Neukölln.Der Bezirk geht neue Wege: Seit Ende April sind „Müll-Sheriffs“ einer privaten Sicherheitsfirma in Neukölln unterwegs. Sie überwachen in der Nacht jene Straßen, auf denen am häufigsten illegal Unrat und Sperrmüll abgeladen werden. Die Verantwortlichen ziehen eine erste Bilanz.

Zwischen 22 und 4 Uhr sind derzeit vier Doppelstreifen der Firma „Kuhr Security“ mit dem Auto unterwegs. Die Einsatzorte: Oder- und Warthestraße, Mittelweg, Brockenstraße, Mittelbuschweg und Mierstraße sowie Kiehlufer, Dieselstraße und Mergenthalerring.

Entdecken die Sheriffs illegale Müllablader, alarmieren sie sofort die Polizei. Denn sie selbst dürfen weder Personalien aufnehmen noch die Täter festhalten. Aber sie sind berechtigt, zu fotografieren, Videoaufnahmen zu machen, die Tatzeit und Autokennzeichen zu notieren.

Ein großer Vorteil für die Security-Männer ist, dass sie nicht auf Anhieb erkannt werden. Sie sind in zivil unterwegs, ihre Autos tragen keine Aufschrift. Das ist bei Mitarbeitern des Ordnungsamtes anders: Für sie gilt Uniformpflicht, und sie dürfen auch nur von 6 bis 22 Uhr arbeiten.

„Für uns war es erst einmal wichtig zu erfahren, was nachts eigentlich passiert“, sagt Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Eine erste Erkenntnis: Müllsünder sind schnell. Andreas Rechholz von Kuhr-Security beschreibt einen Fall. „Am Mittelbuschweg wurden aus einem fahrenden Auto fünf Müllsäcke geschmissen. Eine Sache von zehn, höchstens fünfzehn Sekunden.“

Eine weitere Erkenntnis: Nicht nur Privatleute, auch Gewerbetreibende entsorgen illegal Abfall, oft im großen Stil. So erwischten die Sheriffs vier Männer, die eine ganze Transporterladung Bauschutt loswerden wollten. Die alarmierte Polizei war schnell vor Ort. Trotzdem erwies sich die Sache als kompliziert. Der Wagen war in Irland zugelassen, zwei der Insassen, Vater und Sohn, stammten von dort, die restlichen drei waren rumänische Arbeiter. Angemeldet hatten sich alle auf einem brandenburgischen Campingplatz. Schließlich wurde das Auto beschlagnahmt. 3000 Euro Geldstrafe haben die Männer inzwischen bezahlt.

„Das sind echte Glücksfälle“, sagt Ordnungsamtsleiter Olaf Korbjuhn. Seine Kollegen seien von der „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“ oft frustriert. Das ist angesichts von zehn Außendienstmitarbeitern pro Schicht, die für 350 Straßenkilometer zuständig sind, verständlich.

Von der zivilen Verstärkung erhofft er sich, die Lage besser abschätzen zu können. „Aber auch die Bürger müssen weiter die Augen offenhalten“, sagt er. Und nicht nur das. Es gebe viele Anwohner, die sich über Müllablagerungen beschweren, aber den Verursacher nicht nennen – auch wenn sie ihn kennen.

Aber ohne aussagewillige Zeugen und andere Beweise kann kein Verfahren wegen Ordnungswidrigkeit eingeleitet werden. Kommt es jedoch dazu, würden die Bußgelder so hoch wie möglich ausfallen, sagt die Bürgermeisterin. Sie könne sich mit den Zuständen nicht abfinden, erst recht nicht, weil der Bezirk Negativ-Spitzenreiter ist. Zum illegalen Müllberg in Berlin trägt allein Neukölln ein Sechstel bei. „Im vergangenen Jahr mussten hier 4200 Kubikmeter entsorgt werden. Das entspricht einem Volumen von 52 Omnibussen oder 19 000 Badewannen“, so Giffey.

Ihre Bilanz der Testphase ist positiv: Dort wo intensiv kontrolliert wurde, seien die Müllmengen geringer geworden. Zum ersten Mal verfüge der Bezirk über eine 24-Stunden-Datenlage. Der Einsatz der „Sheriffs“ solle nun auch auf den Tag ausgeweitet werden. „Täter sollen rund um die Uhr damit rechnen, erwischt zu werden. Wir wollen dauerhaft abschrecken,“ so die Bürgermeisterin. sus
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