Neue Arbeitsgemeinschaft will jungen Straftätern wirkungsvoller begegnen

Stadtrat Falko Liecke verfolgt in diesen Tagen den Prozess gegen einen Neuköllner Intensivtäter bei Gericht. (Foto: Schilp)

Neukölln. Welche Strafen für jugendliche Täter sind sinnvoll und wirksam? Wie können weitere Vergehen und Verbrechen verhindert werden? Mit diesen Fragen will sich die neue „Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkriminalität“ beschäftigen.

Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) kommt gerade vom Gericht. Dort verfolgt er den Prozess gegen einen 17-Jährigen, dem zwischen 15 und 19 Delikte zur Last gelegt werden. Er ist einer der etwa 35 jugendlichen „Intensivtäter“, die in Neukölln leben.

Der 17-Jährige hat gemeinsam mit etwas älteren Männern immer wieder gestohlen, Menschen verletzt und Läden aufgebrochen. Geklaut hat die Bande alles, was nicht niet- und nagelfest war: Handys, Geldschränke, Sofas, Betten, Werkzeug. Als Zwischenlager für die Beute dienten gestohlene Transporter. Die besorgten sich die Täter in aller Regel, indem sie sich in den Morgenstunden auf die Lauer legten, bis sie ein Lieferfahrzeug mit steckendem Schlüssel entdeckten. Mit anderen geklauten Autos spähten sie neue Ziele aus. „Das Markenzeichen der Bande war, mit Feuerlöscherschaum die Spuren an den Tatorten zu verwischen“, so Liecke. Offensichtlich ist das nicht immer gelungen: Die erwachsenen Täter sitzen in Untersuchungshaft, der Jugendliche ist in einer geschlossenen Einrichtung im Berliner Umland untergebracht.

Jetzt haben die Richter das Wort. Aber was ist eine wirksame Strafe? Einen „Warnschuss-Arrest“ von 14 Tagen hat der 17-Jährige bereits hinter sich. „Aber er ist ein Mitläufertyp und lässt sich von seinen Brüdern immer wieder anstiften“, sagt Liecke. Er wünscht sich zwar, dass der Jugendliche erneut ins Gefängnis wandert, allerdings weiß er auch: Das Ansehen des Täters wird in seiner Familie durch einen Knastaufenthalt wahrscheinlich eher steigen.

Um mit solchen und anderen Fällen besser umgehen zu können, wurde die „Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkriminalität“ gegründet; der erste von drei bezirklichen Mitarbeitern tritt in diesen Tagen seine neue Stellung an. In der AG sitzen nicht nur Vertreter des Neuköllner Bezirksamts, sondern auch Beschäftigte der Polizei, Staatsanwaltschaft, Schule, des Familien- und Jugendgerichts und – wenn nötig – der Ausländerbehörde. „Bisher haben wir uns untereinander nicht genügend abgestimmt, das soll sich ändern“, betont Liecke.

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft wollen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Einschätzungen zusammentragen und austauschen. Gemeinsam soll für jeden einzelnen Jugendlichen eine richtige Vorgehensweise gefunden werden. Bei dem einen reicht es vielleicht, ihm unmissverständlich zu erklären, dass er bei einer weiteren Tat im Knast landet. Für den anderen kann es sinnvoll sein, ihn zu einem Schulabschluss und einem Ausbildungsbeginn zu verpflichten. Für wieder andere ist es am besten, sie aus ihrem Umfeld zu nehmen – und sie zum Beispiel in ein abgelegenes Dorf zu schicken. „Das kostet zwar viel Geld, kann aber auch viel bringen“, sagt der Stadtrat.

Klappen muss das nicht immer. Einige Fälle machen ratlos. Falko Liecke erinnert sich gut an Andrzej S., der schon als Zwölfjähriger jede Menge auf dem Kerbholz hatte. Er wurde nach Kirgisien gebracht, wo er knapp sechs Jahre lebte, ohne Straftaten zu begehen. Kaum volljährig geworden, machte er von seinem Recht Gebrauch, nach Neukölln zurückzukehren. Zwei Wochen später beging er einen Einbruch und schlug schließlich einem Mann – der glücklicherweise überlebte – mit einem Hammer den Schädel ein. Anfang 2015 wurde Andrzej S. der Prozess gemacht. Heute lebt er in einem psychiatrischen Gefängnis. sus
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