Platz soll nach dem jüdischen Ehepaar Selma und Paul Latte benannt werden

Diese Grünfläche in Niederschönhausen soll nach Selma und Paul Latte benannt werden. (Foto: Bernd Wähner)

Niederschönhausen. Das Bezirksamt beabsichtigt, der platzartigen öffentlichen Fläche im Bereich Beuth-, Buchholzer und Charlottenstraße einen Namen zu geben.

Mitglieder der Pankower Stolpersteingruppe hätten vorgeschlagen, sie nach Selma und Paul Latte zu benennen, sagt Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Die Grünen). Das jüdische Ehepaar engagierte sich in der NS-Zeit dafür, dass junge Juden eine Ausbildung absolvieren konnten.

Paul Latte (1878-1943) war Flaschenhändler. Er hatte seinen Betrieb in der Buchholzer Straße 23-31. Dort stellte er Anfang 1934 dem Jugendpflegedezernat der Jüdischen Gemeinde Berlin einen Teil seines Fabrikgeländes für eine Ausbildungswerkstatt für junge Juden zur Verfügung. Es handelte sich um ein sogenanntes Hachschara-Lager mit Lehrwerkstätten, einem großen Garten und Wohnbaracken für junge Frauen und Männer. Diese bereiteten sich dort auf ihre Emigration (Hachschara steht für Tauglichmachung) vor.

Auswanderung nach Palästina und in die USA

Im Jahre 1934 begannen die ersten knapp 50 Lehrlinge in der Tischlerei, der Schlosserei, der Schmiede und der Hauswirtschaft, um sich als Handwerker auf die Auswanderung nach Palästina oder in die USA vorzubereiten. 1936 wurde auf dem Gelände mit Unterstützung der Eheleute Latte zusätzlich für 200 Jungen und Mädchen jüdischen Glaubens im Alter von 14 bis 16 Jahre, denen es mittlerweile verboten war eine Berufsausbildung zu beginnen, eine einjährige „Tagesschule für Berufsvorlehre“ eingerichtet. Durch die erworbenen handwerklichen Fähigkeiten konnten etliche junge Menschen ein Arbeitszertifikat für Palästina und andere Länder erhalten und so der späteren Deportationen und Ermordung entkommen. Beide Einrichtungen bestanden bis 1938. Paul Latte wurde dann enteignet und musste mit seiner Frau Selma (1878-1943) nach Hermsdorf in ein „Judenhaus“ ziehen. Von dort aus wurden beide am 13. Januar 1943 mit weiteren 98 Personen nach Theresienstadt deportiert. Paul Latte verstarb in diesem Konzentrationslager am 24. Januar 1943, seine Frau Selma 16. Juli 1943.

Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung

Die Geschichte des ehemaligen Hachscharah-Lagers an der Buchholzer Straße in Niederschönhausen stehe beispielhaft für die Selbstbehauptung der von Diskriminierung und Ausgrenzung bedrohten jüdischen Bevölkerung, schätzt das Bezirksamt ein. Mit dem Beschluss zur Benennung des bislang namenlosen Platzes in unmittelbarer Nähe zum einstigen Fabrikgelände der Lattes besteht die Möglichkeit, an deren Geschichte und Schicksal zu erinnern.

Die Pankower Gedenktafelkommission beschloss außerdem, parallel zur Platzbenennung eine Gedenktafel aufzustellen. Auf ihr soll das Wirken von Selma und Paul Latte gewürdigt und an die Geschichte des ehemaligen Fabrikgeländes erinnert werden. Weil es an diesem Platz keine Anwohner gibt, die von Adressenänderungen betroffen wären, hofft das Bezirksamt auf einen reibungslosen Ablauf des Benennungsverfahrens für den Selma-und-Paul-Latte-Platz. BW
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