Tischlergeselle Jan Zielske kam nach fünf Jahren heim

Zahlreiche Stempel von Städten, Gewerkschaften und Arbeitgebern erinnern an fünf spannende Jahre. (Foto: Ralf Drescher)
 
Jan Zielske (Mitte) wurde auf den letzten Kilometern von Gesellen begleitet. (Foto: Ralf Drescher)

Oberschöneweide. In der Gaststätte "Grüne Aue" an der Mentelinstraße feiern zwei Handvoll Männer und eine Frau bei Bier und Gegrilltem die Heimkehr von Tischlergeselle Jan Zielske. Damit beschließt er das Ende seiner Wanderschaft.

Der 27-Jährige sitzt ein paar Tage später in der Wohnung seiner Eltern An der Wuhlheide und erzählt: "Eigentlich wollte ich Bootsbauer werden, fand aber keine Lehrstelle. Ich habe dann Möbeltischler gelernt und in der Zeit auch Filme über die Wanderschaft gesehen. Schnell stand für mich fest, dass ich das auch will." Die Voraussetzungen hatte er: Gesellenprüfung bestanden, ledig, kinderlos, schuldenfrei. "Auf Wanderschaft darf man für drei Jahre und einen Tag seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen", erzählt Jan Zielske.Im Herbst 2008 ging es los. Zum weißen Hemd gab es die Kluft und als Erkennungszeichen seiner 1910 gegründeten Gesellenvereinigung "Fremder Freiheitsschacht" die rote Ehrbarkeit, einen Schlips. Traditionell nehmen Gesellen keine Koffer, die wenigen Habseligkeiten, Werkzeug und ein Arbeitsanzug zum Wechseln werden im Charlottenburger verstaut, ein Tuch, das zusammengerollt und über die Schulter gehängt wird. Der Stenz, ein gedrehter Wanderstock, ergänzt die Ausrüstung.

"Ich bin ohne Ziel losgegangen. In Leipzig traf ich zwei Wandergesellen, die mich nach Eutin mitnahmen. Dort habe ich mehrere Wochen beim Ausbau eines Ferienhauses gearbeitet. Für mich als Möbeltischler eine völlig neue Herausforderung", sagt Jan Zielske.

Ohnehin muss der Wandergeselle nehmen, was angeboten wird. Neben Baustellen, auf denen klassische Zimmerarbeiten anfallen, kann man auch schon mal einen Job als Dachdecker finden. Unterwegs füllt sich das Wanderbuch mit Stempeln von Arbeitgebern, Gewerkschaftsbüros, Handelskammern und Bürgermeistereien. Das Wanderbuch von Jan Zielske schmücken unter anderem Stempel von München, Erfurt, Bayreuth und Bern. "Der Bürgermeister von Ennepetal hat mir sogar einen Bildband seiner Stadt als Dank geschickt", sagt Jan Zielske.

Meist werden die Gesellen gut behandelt. Schwarzarbeit ist tabu, der Mindestlohn Herzenssache. Nur einmal hatte Jan Zielske Pech. "Da habe ich im Tessin drei Monate gearbeitet. Obwohl ich keinen Staplerpass hatte, setzte mich der Chef auf den Gabelstapler. Damit habe ich ein Rolltor erwischt und der Stapler war nicht versichert. Der Chef ist mir dann den gesamten Lohn, rund 7000 Franken (5700 Euro), schuldig geblieben. Das war das sprichwörtliche Lehrgeld, das man zahlen muss", ärgert er sich noch heute.

Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz hat Jan Zielske auch Rumänien durchquert. Dort gibt es in Sibiu eine Gesellenherberge der Evangelischen Kirche. "Wir haben den Dachboden ausgebaut und für andere deutsche Gemeinden gearbeitet", erzählt Jan Zielske. Er war aber auch in Thailand, Vietnam und Argentinien. "Russland und China haben wegen Problemen mit den Visa nicht geklappt."

Heimweh hatte Jan Zielske nie. "Das schlimmste war wohl der Abschied von den Gesellen, die mich nach Berlin begleitet haben", sagt er. Auf der Tour hat er sechs Paar Schuhe, drei Arbeitsanzüge und zwölf Hemden verbraucht. Nun sucht er Arbeit für die nächsten Monate, möglichst in der Holzrestaurierung. "Ab 2014 möchte ich in der Schweiz Möbelrestaurierung studieren", sagt der junge Mann.

Die Wanderschaft gibt es seit dem späten Mittelalter, sie war Voraussetzung für die Meisterprüfung. Bekannte Handwerker auf Wanderschaft waren August Bebel (Drechsler), der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert (Sattler) und Wilhelm Pieck.

Wissenswertes zur Gesellenvereinigung von Jan Zielske unter www.fremderfreiheitsschacht.de

Ralf Drescher / RD
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