Ina Lunkenheimer nutzte die Freiheit nach dem Mauerfall

Ina Lunkenheimer mit ihrem Fotobuch: In einem Wachturm hob sie im März 1990 den Telefonhörer ab - und es meldete sich ein Grenzoffizier. (Foto: BW)

Pankow. Am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer geöffnet. Seit dem entwickelte sich nicht nur Berlin rasant. In den vergangenen 25 Jahren veränderte sich auch das Leben vieler Menschen in dieser Stadt. In den kommenden Ausgaben stellen wir Ihnen einige davon vor.

Als in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 Menschenmassen über die Bornholmer Straße Richtung Westberlin strömten, lag Ina Lunkenheimer schlafend im Bett. "Ich war in der Ausbildung als Kinderdiakonin. Da musste ich sehr früh raus. Also ging ich abends immer zeitig schlafen", erinnert sich die damals 19-jährige. Dabei hätte sie gern den Mauerfall mitgefeiert.

Weil ihre Eltern sich in der Kirche engagierten, hatte die junge Frau weder Jugendweihe, noch war sie in der FDJ. Nach der Schule wollte sie einen Beruf erlernen, in dem sie mit Kindern zu tun hat. Aber mit ihrer Vorgeschichte war eine staatliche Erzieher-Ausbildung nicht möglich. So blieb nur die kirchliche.

"Schon früh merkte ich, dass mit dem Staat etwas nicht stimmt, wenn er Menschen so wegen ihres Glaubens ausgrenzt", sagt sie. "Verlassen wollte ich die DDR aber nie. Sie war schließlich meine Heimat." Sie wollte die Politik verändern. Darum demonstrierte sie im Herbst 89 auf dem Alex mit, war beim Demonstrationszug am 7. Oktober dabei, der vom Palast der Republik zur Gethsemanékirche zog und entging dabei nur knapp einer Verhaftung.

Als Ina Lunkenheimer am Morgen des 10. November in ihr Diakonin-Seminar kam, erfuhr sie, was in der Nacht passiert war. "Wir sind dann mit dem gesamten Seminar über die Bornholmer Brücke in den Wedding gelaufen. Das war ein komisches Gefühl. Wir wussten damals ja nicht, ob die Grenze nicht doch wieder geschlossen wird", erinnert sie sich.

Aber die Mauer blieb durchlässig, auch wenn ihr Abbau noch einige Zeit dauerte. Mit ihrer Familie war sie immer wieder auf westlicher Seite entlang der Mauer zu Spaziergängen unterwegs. "Im März 1990 waren wir im Bereich Köppchensee sogar auf einem Wachturm", berichtet Ina Lunkenheimer. Auf dem Spaziergang schoss sie mehrere Fotos und klebte diese in ihr Tagebuch-Fotoband.

Ina Lunkenheimer machte ihre Ausbildung zu Ende und arbeitete zunächst in der Stephanus-Stiftung als Kinderdiakonin. Sie begann sich ganz privat, mit dem Begriff Freiheit auseinanderzusetzen. "Für mich hatte das weniger mit unbegrenzter Konsummöglichkeit zu tun. Ich wollte die Freiheit nutzen, um mit Menschen aus anderen Teilen der Welt in Kontakt zu kommen, ihnen zu begegnen."

Sie nutzte die neue Freiheit und ging Anfang der 90er Jahre in ein Homeland nach Südafrika. "Dort erlebte ich dann die ersten freien Wahlen nach der Apartheid mit", schildert sie. "Das war schon ein komisches Gefühl, wo ich in der DDR doch gerade erst im Frühjahr 1990 die ersten freien Wahlen erlebte."

Dann ging es weiter in die USA und danach lebte sie fast drei Jahre in England. Alle ihre neuen Eindrücke nach dem Fall der Mauer und bei ihren Auslandsaufenthalten hielt Ina Lunkenheimer in Fotografien fest. Stück für Stück entwickelte sich dieses Hobby zu ihrer Profession. Heute arbeitet die Pankowerin als freiberufliche Künstlerin mit der Fotografie als Schwerpunkt.

Rückblickend sagt sie: "Es war gut, dass die Mauer fiel. Das brachte einen großen Gewinn an Freiheit. Was man daraus machte, hatte jeder selbst in der Hand. Ich denke, ich habe sie gut genutzt.


Bernd Wähner / BW
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