Bildende Künstler fürchten um ihre Arbeitsstätte

Sie ist mit den Arbeitsbedingungen im Atelierhaus zufrieden: Die Künstlerin Verena Klary bei der Arbeit. (Foto: BW)
 
Sie ist mit den Arbeitsbedingungen im Atelierhaus zufrieden: Die Künstlerin Verena Klary bei der Arbeit. (Foto: BW)

Pankow. Siebzig Künstler kämpfen um ihr Pankower Atelierhaus. Der Liegenschaftsfonds will es Wohnungsbaugesellschaften anbieten. Es könnten Wohnungen entstehen, heißt es. Gegen dieses Vorhaben machen die Künstler mobil. Sie wollen bleiben. Alternative Atelierräume stehen nämlich nicht zur Verfügung.

Das Gebäude, um das es geht, ist ein langgezogener Block an der Prenzlauer Promenade 149-152. Dieses Haus hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ende der 1970er-Jahre war es als Diplomaten-Hotel geplant worden. Erst bei der Einweihungsfeier bemerkten die Bauherren, welchen Lärm die Flugzeuge über ihnen beim Anflug auf Tegel machten.

Diplomaten wollte man diesen Krach nicht zumuten. Es wurde entschieden, das Haus der Akademie der Wissenschaften zur Verfügung zu stellen. Nach 1990 nutzte die Humboldt-Universität die Immobilie vorübergehend. 2004 ging sie an den Liegenschaftsfonds Berlin. Der beschloss, sie an Künstler zu vermieten.

"Wir haben hier ideale Bedingungen", berichtet Verena Klary. Die Künstlerin fertigt im Atelierhaus Installationen an. "Durch die großen Fenster bestehen sehr gute Lichtverhältnisse. Das Haus ist gut beheizt. Außerdem haben wir ständig Kontakt zu anderen Künstlern. Das fördert den gegenseitigen Austausch und die Kreativität."

Wichtig ist den Künstlern auch: Die Mieten sind bezahlbar. Wird ein Atelier neu vermietet, sind aktuell 6,90 Euro pro Quadratmeter an Warmmiete zu zahlen. So günstig findet man in Berlin heute kaum noch Atelierraum.

Dass sich der Liegenschaftsfonds jetzt von dem Atelierhaus trennen will, hat mehrere Gründe. Einer ist die neue Liegenschaftspolitik des Senats. Der möchte freie Grundstücke und Immobilien für sozialen Wohnungsbau zur Verfügung stellen. Deshalb wolle man die Immobilie Wohnungsbaugesellschaften anbieten, erklärt Irina Dähne, Pressesprecherin des Liegenschaftsfonds. Ein anderer Grund: "Das Land Berlin trägt jährlich eine Unterdecklung für die Bewirtschaftung dieses Objekts in Höhe von zirka 32 000 Euro", so Dähne.

Die Künstler können diesen Argumenten nicht folgen. Wohnungen könnten auch an anderer Stelle gebaut werden, meinen sie. Das Bewirtschaftungsdefizit sei hausgemacht. "Im Gebäude gibt es viel Leerstand. Wenn nur zehn weitere Ateliers vermietet werden, wäre das Defizit von 32 000 Euro im Jahr bereits ausgeglichen", rechnen Künstlerin Simone Haack vor. Auch eine teure Sanierung sei gar nicht nötig.

Äußerst perfide findet der Vorsitzende des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin, Herbert Mondry, dass der Liegenschaftsfonds bei seiner Argumentation preiswerte Ateliers gegen preiswerten Wohnraum ausspiele. "Berlin rühmt sich, eine kreative Stadt zu sein. Künstler prägen ihr Image mit. Da muss man auch etwas dafür tun, dass Künstler in der Stadt arbeiten können", sagt er. Die Künstler fordern vom Liegenschaftsfonds ein Aussetzen seiner Vermarktungsbemühungen. Einer ihrer Sprecher, Klaus Winichner, erklärt: "Wir wollen das Gebäude weiter als Produktionsstätte nutzen. Wenn es ein Moratorium gibt, werden wir überlegen, wie wir das Kunsthaus weiter entwickeln."


Bernd Wähner / BW
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