Museum Pankow dokumentiert die Geschichte einer Flucht aus der DDR

All diese Sachen fand die Pankower Künstlerin Ursula Strozynski im Wandversteck. (Foto: Bernd Wähner)
Berlin: Museum Pankow |

Prenzlauer Berg. „Kein Mensch kennt dieses Versteck“ ist der Titel einer außergewöhnlichen Ausstellung, die das Museum Pankow in seiner Halle im Kultur- und Bildungszentrum „Sebastian Haffner“ zeigt. Im Mittelpunkt steht die Flucht der Pankower Unternehmerfamilie Schoening im Oktober 1955 aus der DDR.

Außergewöhnlich ist allein schon die Entstehungsgeschichte dieser Ausstellung. Seit 1977 lebt Ursula Strozynski in der Pankower Tschaikowskistraße 46. Im Herbst 2013 machte die Pankower Künstlerin bei Renovierungsarbeiten in ihrer Wohnung einen überraschenden Fund: In einem Wandversteck, einem Hohlraum hinter Blumentapeten und Putz, fand sie ein regelrechtes Lager. Neben Geräten, Materialien und Ersatzteilen lag dort auch ein rätselhafter Abschiedsbrief, verfasst vor über 60 Jahren. In diesem Brief teilt der Verfasser dem Finder mit, dass „kein Mensch dieses Versteck kennt“ und er die Dinge an dieser Stelle belassen möge, da der Besitzer, der sich vom Finanzamt verfolgt und als Person bedroht fühle, später einmal seine Sachen zurückhaben möchte.

Ursula Strozynskis Künstlerkollege Manfred Butzmann machte das Pankower Museum auf diesen Fund aufmerksam. Das Museum recherchierte. Dabei kam heraus: Der Unternehmer Werner Schoening, Inhaber der „Lichtpaus- und Fotokopieranstalt Ed. Schoening“, hatte das Versteck im Herbst 1955 eingerichtet. Unmittelbar danach floh er mit seiner Familie über West-Berlin in die Bundesrepublik. Seine Motive für die Flucht und deren besondere Umstände thematisiert das Museum nun in einer Sonderausstellung. Zu sehen sind dort auch alle im Versteck gefundenen Sachen wie elektrische Geräte, fotografische Ausrüstungsgegenstände, Verbrauchsmaterialien und Firmenbriefe.

Die „Lichtpaus- und Kopieranstalt Ed. Schoening“ arbeitete vor allem für das Amt für Erfindungs- und Patentwesen. Die Geschäftsbeziehungen trübten sich, als Werner Schoening aufgefordert wurde, seinen Betrieb dem Amt anzugliedern. Er weigerte sich und kam dadurch ins Visier der Behörden. Das Finanzamt begann gegen ihn zu ermitteln. Der Druck auf den Unternehmer wurde immer größer. Zwar konnte man ihm kein Fehlverhalten nachweisen, aber das Amt für Erfindungs- und Patentwesen kündigte ihm trotzdem die Geschäftsbeziehungen. Damit war seiner Firma die wichtigste Geschäftsgrundlage entzogen. Im September 1955 entschloss sich Werner Schöning, mit seiner Frau Antonie und seinem Sohn Uwe die DDR zu verlassen. Am 24. Oktober machte man sich auf den Weg nach West-Berlin.

Mit der Ausstellung dokumentiert das Pankower Museum ein konkretes Beispiel für eine Fluchtgeschichte. Von 1945 bis 1961 siedelten aus der Sowjetischen Besatzungszone und aus der DDR etwa drei Millionen Menschen in den Westen Deutschlands über, davon etwa 15 000 Pankower. BW

Die neue Ausstellung in der Halle in der Prenzlauer Allee 227/228 ist bis zum 23. April dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es unter  902 95 39 17.
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