Eckensteher Nante ist im Bötzowviertel zu Hause

Der Grafiker Wolfgang Wündsch gibt dem Eckensteher Nante (ein Berliner Urgestein) seit vielen Jahren Gesicht, Figur und Stimme. (Foto: Bernd Wähner)
 
Eckensteher Nante in Aktion: Hier eröffnete Wolfgang Wündsch mit Mädchen einer Tanzgruppe vor einiger Zeit eine Kita der gemeinnützigen Gesellschaft Pankower Früchtchen. (Foto: Bernd Wähner)

Prenzlauer Berg. Wolfgang Wündsch erweckte ein Berliner Original zu neuem Leben: Eckensteher Nante. Im dritten Teil der Serie „Unser Kiez – Rund um die Bötzowstraße“ berichtet er, wie es dazu kam und wie es sich im Bötzowviertel lebt.

„Wat willste? Über mir und mein jeliebtet Bötzowviertel schreiben? Na jut. Jestatten: Nante. Damit mir ooch alle Zujezogenen vastehn, mach ick jetzt mal auf Hochdeutsch weiter. Den Nante spiele ich jetzt seit über zehn Jahren. Von Beruf bin ich eigentlich Grafiker. Als das Rathaus Pankow 2003 seinen 100. Geburtstag feierte, entwickelte ich einen Nante-Bastelbogen Der kam super an. Und so begann ich mich noch mehr mit der Geschichte des Nante zu beschäftigen.

Ursprünglich gab der Schauspieler Friedrich Beckmann ihm Gesicht, Gestalt und typischen Berliner Witz. Erfunden wurde die Figur aber vom Dichter Adolf Glasbrenner. Mir kam die Idee, mit Nante künftig Werbung für Berlin zu machen. Ich ließ mir also ein Kostüm anfertigen. Die ersten Auftritte kamen so gut an, dass ich der Nante blieb. Bei Stadtteilfesten, Betriebsfeiern, Familienfeten und sogar beim Presseball trete ich inzwischen auf. Dabei moderiere ich nicht nur. Ich spiele auch Drehorgel und habe ein richtiges Programm mit Alt-Berliner Gassenhauern und Witzen. Außerdem kommt es immer sehr gut an, wenn ich als Schnellzeichner Leute porträtiere.

Viele sehen in mir inzwischen ein echtes Berliner Original. Ich muss aber, nur mal unter uns, gestehen, dass ich gar kein echter Berliner bin. Ich komme aus Meuselwitz bei Altenburg. In Berlin lebe ich aber schon seit den 70er Jahren. Bevor ich ins Bötzowviertel zog, hatte ich eine Wohnung in einem Vorderhaus an der Lychener Straße. Da wurde es Anfang der 90er Jahre immer lauter. Ich wollte eine ruhige Wohnung in einem Hof. Nicht zu dunkel. Tagsüber sollte die Sonne zu sehen sein.

Seinerzeit gab es noch viel Leerstand in den alten unsanierten Häusern. Wochenlang lief ich durch die Straßen und sah mir Wohnungen an. Damals kam man problemlos auf die Höfe. Schließanlagen gab es noch nicht. Das Bötzowviertel gefiel mir sofort. In einem Hof an der Hufelandstraße entdeckte ich die leerstehende, ruhige, helle Wohnung, die mir vorschwebte. Ich sprach sofort bei Wohnungsbaugesellschaft vor. Bei der Besichtigung sagte der Hausmeister: Ich kann dir noch ein paar bessere leerstehende Wohnungen zeigen, sogar mit zwei Bädern. Kann man sich heute gar nicht vorstellen. Aber ich hatte meine Wohnung bereits gefunden.

Das war vor über zwanzig Jahren. Inzwischen ist viel passiert. Zuerst gab es Ende der 90er Jahre eine Grundsanierung des Hauses. Dann fand vor ein paar Jahren noch mal eine Modernisierung statt. Die Mietwohnungen sind in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Ich bin heute im ganzen Haus der einzige Mieter.

Dass ich die Sanierungen gut überstand, ist auch meinem Super-Verhältnis zu den Bauarbeitern zu verdanken. Ich versorgte sie regelmäßig mit Kaffee und Feierabendbier. Sie sorgten im Gegenzug dafür, dass ich immer einen Wasser- und Stromanschluss in der Wohnung hatte, auch in der heißen Bauphase. Auch wenn ich inzwischen der einzige Mieter im Haus bin: Ich komme mit allen Wohnungseigentümern prima klar. Das trifft auch auf die Menschen in meinem geliebten Bötzowviertel zu. Wenn ich aus dem Haus komme und was im Kiez erledigen möchte, dauert das immer länger, als geplant. Ich werde angesprochen, rede auch gern mit den Leuten, die ich treffe. Vor allem Kinder, die mich als Nante erlebten, kommen ganz unbefangen auf mich zu.

Es ist einfach eine schöne, entspannte Atmosphäre im Kiez. Die spürt man auch in den Cafés. Hier kann man angenehme Gespräche führen, wenn man offen auf die Leute zugeht. Und wenn ich mal meine Ruhe brauche, um für ein Programm zu lernen, gehe ich am liebsten in den Volkspark Friedrichshain. Am kleinen Teich finde ich bei schönem Wetter die passende Umgebung. Der liegt etwas abseits. Da kann ich laut Gassenhauer singen und Texte einstudieren.

Wat? Du willst zum Schluss noch wissen, wie alt ick bin? Im Frühjahr werd‘ ich sechzich. Da find‘ste mich aber nich in Berlin. Da entspann ich auf Kuba. Bis irjendwann ma wieda. Tschüss.“ BW

0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.