Marga Herget ist seit fast 40 Jahren mit Leib und Seele Friseurmeisterin im Bötzowkiez

Marga Herget frisiert ihre Stammkundin Dr. Eleonore Schramm. (Foto: Bernd Wähner)
 
Friseurmeisterin Marga Herget übernahm am 1. März 1977 ihren Salon an der Bötzowstraße – und führt ihn noch heute in eigener Regie. (Foto: Bernd Wähner)
Berlin: Bötzowviertel |

Prenzlauer Berg. Im Bötzowviertel kamen und gingen in den vergangenen Jahrzehnten viele Gewerbetreibende. Eine bleib bis heute: Marga Herget. Im fünften Teil der Serie „Unser Kiez – Rund um die Bötzowstraße“ berichtet sie über ihr Berufsleben, von treuen Stammkunden und die Zeit nach der Wende.

Waschen. Dr. Eleonore Schramm hat gerade den Salon Herget in der Bötzowstraße 17 betreten. Draußen ist es nasskalt, hier drinnen angenehm warm. Den Mantel hängt sie an den Garderobenständer, und Marga Herget begrüßt ihre Stammkundin. Wenig später wäscht sie ihre Haare und beginnt zu erzählen: „Es war schon immer mein Wunsch, einen eigenen Salon zu führen. Aber zu DDR-Zeiten war das gar nicht so einfach.“ Marga Herget wuchs in Zwickau auf. Sie lernte dort ihren Traumberuf, machte ihren Meister. 1973 kam sie in die DDR-Hauptstadt. Sie fand eine Anstellung in einem privaten Salon in Altglinicke.

Dann hatte sie die Chance, dort einen eigenen Salon zu übernehmen. Man legte ihr aber Steine in den Weg. Aus der Traum? Eines Tages bekam sie den Tipp, dass in der Bötzowstraße ein Salon zu übernehmen sei. „Noch am gleichen Tag rief ich die Nummer an, die ich bekam“, erinnert sich Marga Herget. Nicht schlecht staunte sie, dass es sich um den Salon von Andreas Holm handelte. Der gelernte Friseurmeister avancierte seinerzeit zum Schlagerstar der DDR. Er wollte oder konnte das Geschäft nicht weiterführen.

Schneiden. Während Eleonore Schramm mit frisch gewaschenem Haar auf dem Frisierstuhl Platz nimmt, greift sich Marga Herget Kamm und Schere. Sie beginnt die Spitzen zu schneiden und erzählt weiter: „Ich übernahm dann die komplette Ausstattung. Am 1. März 1977 fing ich hier an. Natürlich musste ich mir erst einmal meine Kundschaft aufbauen. Und es gab Konkurrenz. Ein paar Häuser weiter hatte die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks, d. Red.) einen Herrensalon, und um die Ecke gab es den PGH-Damensalon.“

Als Friseurmeisterin hatte Marga Herget aber die modernsten Schnitte im Repertoire. Sie hatte alle Prüfungen dafür absolviert. Anregungen bekam sie auch auf Friseurmeisterschaften, an denen sie regelmäßig teilnahm. So konnte sie auch einige Schnitte und Techniken praktizieren, die ihre Konkurrenz nicht draufhatte. Die Qualität ihrer Arbeit sprach sich herum. Ihr Kundenstamm wuchs stetig.

Föhnen. Marga Herget nimmt sich Bürste und Föhn. Mit gekonnten Bewegungen toupiert sie die Haare ihrer Kundin. Ja, sagt sie, seit Anfang der 90er-Jahre habe sich im Kiez viel verändert. „Von den früheren Gewerbetreibenden ist meines Wissens kein anderer mehr auf der Bötzowstraße. Auch von den früheren Bewohnern sind viele weggezogen.“ Manche verließen den Kiez wegen der Arbeit, andere bauten sich ein Häuschen am Rande der Stadt, wieder andere konnten sich die Miete nicht mehr leisten.

„Trotzdem habe ich rund 90 Prozent Stammkunden“, sagt die Friseurmeisterin stolz. „Viele von denen, die wegzogen, kommen trotz langer Anfahrt immer noch zu mir. Ich habe zum Beispiel eine Kundin, die extra aus Potsdam anreist. Ich empfinde das als riesige Anerkennung meiner Arbeit.“ Aber es kommen natürlich auch neue Kunden. Da ist zum Beispiel eine Frau. Sie wohnte seit zehn Jahren im Kiez. Eines Tages sah sie eine chic frisierte Dame aus dem Salon kommen. Da gab sie sich einen Ruck, ging hinein und ließ sich einen Termin geben, nur um mal was Neues auszuprobieren. Inzwischen kommt sie regelmäßig.

Stylen. Nicht nur die Kundschaft hat sich seit dem Fall der Mauer verändert. „Das Tolle ist, dass ich heute Zugang zu Produkten aus aller Welt habe“, sagt die Friseurmeisterin, während sie ihrer Kundin den Festiger ins Haar sprüht. „Die DDR-Produkte waren nicht schlecht. Man musste natürlich verstehen, damit umzugehen. Wir hatten seinerzeit 18 Haarfarben. Die Zwischentöne musste man sich selbst mischen. Da brauchte man Erfahrung. Heute stehen uns 80 Haarfarben zur Verfügung.“

So recht? Marga Herget hält ihrer Kundin den großen Handspiegel vor, sodass sie ihre Frisur von allen Seiten prüfen kann. „Ja, wunderbar“, sagt Eleonore Schramm. Während sich ihre Kundin den Mantel anzieht und ihr Portemonnaie zückt, drückt Marga Herget dem Reporter ein paar Postkarten in die Hand. Auf denen sind wunderschöne Aquarelle zu sehen. „Malen ist mein großes Hobby“, sagt sie. „Das bringt mir Ausgleich und Entspannung. Meist komme ich aber erst nachts dazu. Aber es macht mir ungeheuer viel Freude.“

„Wir sehen uns dann in zwei Wochen wieder“, verabschiedet Marga Herget ihre Kundin. Es ist die letzte an diesem Abend. BW

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