Zeitzeugengespräch mit Ruth Winkelmann vor Fahrt nach Auschwitz

Ruth Winkelmann und Peter Rode mit Schülern der Paul-Löbe-Schule. (Foto: Christian Schindler)
Berlin: Paul-Löbe-Schule |

Reinickendorf. Ende Februar besucht eine Gruppe der Paul-Löbe-Schule das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz. Mit einem Zeitzeugengespräch bereiteten sie sich darauf vor.

Ihr Alter sieht man Ruth Winkelmann nicht an. Die 86-Jährige aus Waidmannslust ist eine agile Dame, die gerne über das von ihr noch immer praktizierte Schwimmen spricht. Das hält offenbar sehr jung. Doch sie ist nicht wegen des Sports in die Paul-Löbe-Schule, Lindauer Allee 23, gekommen. Eingeladen haben sie Ali Coruh und Mahdi Saleh, die für den Träger Aufwind im Rahmen der Schulsozialarbeit eine Gedenkstättenfahrt organisieren.

Zu dem Thema hat Ruth Winkelmann viel zu sagen. Sie wurde 1928 geboren, als Tochter einer deutschen Mutter und eines jüdischen Vaters. Sie hatte eine behütete Kindheit in Hohen Neuendorf, die Eltern lebten gut von einem straff organisierten Abbruchunternehmen. Doch die normale Kindheit war für die junge Ruth mit der sechsten Schulklasse beendet, als die Nazi-Diktatur jüdischen Kindern den Schulbesuch verbot. Die Eltern wurden von den Behörden zwangsgeschieden, Ruths Vater schließlich in Auschwitz ermordet.

Ruth Winkelmann und ihre Mutter überlebten, auch weil NSDAP-Mitglieder beim Untertauchen halfen. Ein Mitglied der Nazi-Partei stellte sogar seine Laube in der Wittenauer Kolonie Einigkeit zur Verfügung, in der einfaches Überleben gesichert war. Auf Nachfragen der Schüler erklärt sie, dass sie nie über Rache nachgedacht habe: "Die Menschen, die uns Schlimmes angetan haben, sind längst tot." Und es hätten eben auch Menschen geholfen, die Mitglieder der Nazi-Partei waren.

Wichtig dagegen ist laut Ruth Winkelmann die Erinnerung an das, was war. Deswegen hat sie auch Peter Rode mitgebracht, der in Reinickendorf die Verlegung der Stolpersteine organisiert. Mit diesen Steinen wird an Opfer des Nazi-Regimes vor deren letzter selbst gewählter Wohnung erinnert. Der pensionierte Schulleiter erklärt bewegend, wie er bei einer Verlegung von Stolpersteinen sogar Fotos gezeigt bekam, auf denen er mit späteren Opfern als spielendes Kind zu sehen ist.

Für die Schüler, die sich mit der Nazi-Vergangenheit beschäftigten, hat Ruth Winkelmann noch einen Rat. Als sie selbst nach dem Krieg ihre Schulbildung weiter vervollständigen wollte, war sie laut Behörde zu alt. Sie ging trotzdem ihren Weg, machte eine Ausbildung zur Damenschneiderin, wurde Filialleiterin. Aber sie sagt: "Ihr habt ein wunderbares Privileg mit einer guten Schulbildung. Macht etwas daraus!"


Christian Schindler / CS
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