Nachverdichtung im Quartier

Städtebaulicher Entwurf für die Neubauten. (Foto: KEN)

Schöneberg. Berlin wächst um jährlich 45 000 Menschen. Hinzu kommt der Flüchtlingsstrom. Berlin braucht neue Wohnungen. Der Senat setzt auf Nachverdichtung, so im Quartier Am Mühlenberg. Die Bewohner sind nicht begeistert.

Nachverdichtung heißt Lücken zubauen, Dachgeschosse ausbauen, auf innerstädtischen Brachen und Freiflächen neu bauen. Auf den Wiesen und Parkplätze der hinter dem Rathaus Schöneberg gelegenen Siedlung sollen, so hat ein Gutachterverfahren ergeben, drei achtgeschossige Gartenhäuse“ und ein Hofgarten für alle entstehen.

In günstiger Bauweise: aus vorgefertigten Betonelemente, mit Fertigbädern, einem einfachen Gebäudekern aus Aufzugsturm und Treppe, Fassaden aus vorgefertigten Holzelementen mit Verkleidung aus langlebigen Faserzementschindeln und Lerchenholzfenstern. Die Bauzeit liege bei sechs Monaten, so Andreas Garkisch vom Siegerbüro aus München, „03 Architekten“.

Die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und den Eigentümern, der Berliner Wohnungsgesellschaft Gewobag und dem Liegenschaftsfonds, angestrebten 250 neuen Wohnungen, davon ein Drittel zu Kaltmietpreisen zwischen 6,50 und 8,50 Euro, sind in den drei neuen Häusern allerdings nicht unterzubringen. Ein viertes könnte hinzukommen, jedoch keine Aufstockung bestehender Gebäude.

Für eine weitere Bebauung des Quartiers Am Mühlenberg hatten sich Senat und Gewobag auf ein städtebauliches Verfahren verständigt. Damit kann festgelegt werden, wie gebaut wird. Zu diesem Gutachterverfahren, dessen Siegerentwurf vor kurzem im Rathaus Schöneberg der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt vor zwei Jahren einen Workshop veranstaltet. Zweck von „Urban Living – Neues Wohnen in Berlin“ war es, „in Zusammenarbeit mit den städtischen Wohnungsgesellschaften neue Formen für das zukunftsfähige Wohnen in der gemischten Stadt zu suchen“, heißt es auf der Internetseite der Senatsverwaltung. Architekturbüros entwickelten daraufhin Bebauungsvorschläge. Sie gingen jedoch auf städtebauliche Fragen nicht ein.
Die weitere Bebauung des 7800 Quadratmeter großen Grundstücks Am Mühlenberg brächte einige Veränderungen für die Bewohner. So fielen etliche Parkplätze weg, die Seniorenfreizeitstätte zöge ins Erdgeschoss einer der drei neuen Häuser, so Stadtentwicklungsstadträtin Sibyll Klotz (Bündnis 90/Grüne).
Bei einer Bürgerversammlung im Rathaus Schöneberg liefen Anwohner Sturm gegen die Pläne, eine Mehrheit, so die Wahrnehmung vieler Teilnehmer. Kritisiert wurde eine „Überrumpelung“ durch die Verwaltung statt Information, wenngleich eine Bürgerbeteiligung dem Gesetz nach erst im Bebauungsplanverfahren Pflicht ist, wie Stadträtin Klotz anmerkte. Auf wenig Gegenliebe stieß auch der Wegfall von Parkplätzen.

Am meisten fürchten Quartiersbewohner jedoch eine Verschattung ihrer Wohnungen durch die neuen „Hochhäuser“. Sie lehnen sie deshalb ab. „Direkt vor meinem Balkon! Danke“, entfuhr es einer Anwohnerin.
Der Architekt Marc Richter, der der Gutachterjury vorsaß, räumte ein, dass alle Quartiersbewohner von der Nachverdichtung betroffen seien, die einen mehr, die anderen weniger. Stadträtin Sibyll Klotz verwies auf das „vorhabenbezogenes Bebauungsplanverfahren“ im Fall des Mühlenbergs.
Darin legen Bezirksamt und Bezirksverordnetenversammlung unter anderem die Höhe der Wohnhäuser fest, damit alle bestehenden Wohnungen genügend Licht und Luft erhielten.
Der städtebauliche Entwurf aus München ist Grundlage für die weitere Planungsarbeit. Ein Zwischenergebnis wird der BVV im Frühjahr 2016 zur Abstimmung vorgelegt. Fällt diese positiv aus, wird Mitte kommenden Jahres der Bebauungsplanentwurf eingeleitet. Vor 2018, so Siegmund Kroll vom Stadtentwicklungsamt, ist mit einem Baubeginn nicht zu rechnen.
Angesichts der „so ernsthaften Diskussion“ kündigte Stadtentwicklungsstadträtin Sibyll Klotz eine weitere Bürgerversammlung im Sommer an. KEN
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