Erinnerung an jüdische Nachbarn am Beispiel der Apostel-Paulus-Straße 26

Bilder aus glücklicheren Zeiten. Nachkommen der jüdischen Nachbarn stellten der recherchierenden Hausgemeinschaft alte Fotos zur Verfügung. (Foto: KEN)
 
Marion Fabian hatte zum individuellen Gedenken an die verfolgten und ermordeten jüdischen Nachbarn der Apostel-Paulus-Straße ein selbst komponiertes, elektroakustisches Requiem vorgetragen. (Foto: KEN)
Berlin: Denk mal am Ort |

Schöneberg. Sie hießen Gadiel, Vohs, Hillel, Kaatz, Landsberger, Aronheim, Lindenberg, Rothholz und Wollheim. Sie gingen ihrer Arbeit nach, schickten ihre Kinder zur Schule und frühstückten auf dem Balkon; ein normales, gutbürgerliches Leben in Schöneberg – bis die Nazis kamen.

Die Bewohner der Apostel-Paulus-Straße 26 waren Juden. Sie erlitten nach 1933 Diskriminierung und Verfolgung. 28 Menschen aus dem Haus wurden deportiert oder entkamen knapp durch Flucht. Von den Deportierten hat niemand überlebt.

Am Tag vor der 72. Wiederkehr des Kriegsendes in Europa erinnerten die heutigen Bewohner an ihre verfolgten und ermordeten Nachbarn. Sie sind Teil des Erinnerungsprojekts „Denk mal am Ort“.

Organisiert wird es von der Historikerin und bildenden Künstlerin Jani Pietsch und von Marie Rolshoven. Rolshoven arbeitet als Bildungsreferentin für die Gedenkstätte Stille Helden Berlin und das Ausstellungsprojekt „Wir waren Nachbarn – Biografen jüdischer Zeitzeugen“ im Rathaus Schöneberg. Gemeinsam mit Florian Voß haben Pietsch und Rolshoven das aus Amsterdam stammende Projekt „Open Jewish Homes“ 2016 nach Berlin geholt.

„Wir wohnen fast alle in Häusern mit Vergangenheit“, sagt Marion Fabian. Fabian wohnt eigentlich in der Dominicusstraße. Aber zur der Veranstaltung der Hausgemeinschaft in der Apostel-Paulus-Straße hat sie ein elektroakustisches Requiem komponiert, einen „klingenden Stolperstein“, wie sie es nennt, den sie im Flur zu Gehör bringt.

In der Apostel-Paulus-Straße begannen die Nachforschungen 2009, als ein neu eingezogenes Ehepaar in der Dauerausstellung „Wir waren Nachbarn“ "seinen" Balkon auf einem Foto entdeckte und wissen wollte, was es damit auf sich hat. Zunächst kamen die Hausbewohner darüber ins Gespräch. In einer Eigentümerversammlung wurde dann eine gezielte Recherche beschlossen und die Aufgabe aufgeteilt.

Eine würdige Form des Gedenkens sollte gefunden werden. Nicht allein an die Ermordeten wollte die Hausgemeinschaft erinnern, sondern auch an die sieben Überlebenden. Im Rahmen der Stolperstein-Initiative des Künstlers Gunter Demnig war das (seinerzeit) nicht möglich.

Federführend bei den Nachforschungen war Gabrielle Pfaff. Sie recherchierte unter anderem in alten Berliner und aktuellen US-amerikanischen Telefonbüchern, in den Landesarchiven von Berlin und Brandenburg. Am informativsten, erzählt Pfaff, sei der Besuch im Entschädigungsamt gewesen. Dort fanden sich Hinweise auf Nachkommen.

2012 wurde im Eingangsbereich des Hauses eine Erinnerungstafel in Stuck sowie an der Fassade eine Gedenktafel angebracht. Aber eigentlich, sagt Gabrielle Pfaff, höre das Nachforschen nie auf. „Wir haben herausgefunden, dass die Wohnungen teilweise sehr voll waren.“ Das Haus war wohl so etwas wie ein „Judenhaus“ geworden, wo jüdische Bürger vor ihrer Deportation „konzentriert“ wurden. „Manche jüdische Nachbarn waren zur Zwangsarbeit verpflichtet, unter anderem in einer Wäscherei in Tempelhof und bei Siemens.“

Die Bemühungen von Gabrielle Pfaff und den anderen Hausbewohnern haben sogar in einem australischen Reiseführer und in einem englischsprachigen Webportal Widerhall gefunden. KEN

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