Feier des Bezirks zum Holocaust-Gedenktag

In der ersten Reihe: Schulleiter Jörg Balke mit Bürgermeisterin Angelika Schöttler und Waltraud Rosenthal (rechts). Das Ausstellungsprojekt "Wir waren Nachbarn" widmet ihrem Mann und dessen Vater ein neues Album. (Foto: KEN)
 
Ein Foto aus glücklichen Tagen: Ilja Bergh als Vierjähriger mit seiner Familie 1931. (Foto: privat/KEN)
Berlin: Rückert-Gymnasium |

Schöneberg. Seit 2005 ist der Tag der Befreiung von Auschwitz, der 27. Januar 1945, Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Wie im Vorjahr fand in diesem Jahr die Tempelhof-Schöneberger Gedenkveranstaltung im Rückert-Gymnasium statt. Schwerpunkt waren Flucht- und Überlebensgeschichten.

Da der Ort der Gedenkfeier eine Schulaula war, hatten sich die drei Veranstalter, der Verein „Frag doch“ mit seinem Ausstellungsprojekt „Wir waren Nachbarn“ (www.wirwarennachbarn.de) im Rathaus Schöneberg, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Deutsch-Israelische Gesellschaft, entschlossen, Schülerinnen des Rückert-Gymnasiums als Reporterinnen Vertreter der drei Veranstalter zu ihrer Arbeit zu befragen.

Ebenso wurden die ausgewählten Zeitzeugen anhand von Ton- und Filmdokumenten vorgestellt. Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz (CDU) sagte, die Zeitzeugen gäben authentisch über ihr Leben Auskunft, über eine Zeit, die heute nur aus Geschichtsbüchern bekannt sei. „Wir können nur hoffen, dass dies dazu führt, dass sich junge Menschen mit der NS-Zeit, ihren Wurzeln und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern auch aus eigenem, engagierten Interesse heraus auseinandersetzen und daraus für die Gegenwart, aber selbstverständlich auch für unser aller Zukunft zu lernen“, so Kaddatz.

Die Zeitzeugen, die in den Videobeiträgen zu Wort kamen, sprachen von Flucht und Exil, im Fall der bald 92-jährigen Hanni Lévy vom Untertauchen und Überleben in der Stadt mithilfe christlicher Nachbarn, die dabei selbst ihr Leben riskierten.

Ilja Bergh (1927-2015), der mit seinen Eltern nach Kiew geflohen war und anschließend im dänischen Exil lebte, hatte nach dem Krieg keine Heimat mehr, wie er selbst von sich sagte. Bergh betonte aber immer, dass er „ein Europäer mit drei Beinen“ sei: in Kopenhagen, in München und im höheren Alter wieder in Berlin, der Stadt seiner Kindheit.

Inge Lammel (1924-2015) entkam der NS-Verfolgung mit dem Kindertransport nach England 1938/39 und kehrte nach Kriegsende nach Ostberlin zurück. Noch im hohen Alter hat sich Lammel für die bezirkliche Erinnerungskultur in Pankow engagiert, insbesondere mit Nachforschungen zur Geschichte der vertriebenen Juden aus diesem Bezirk. Dafür erhielt sie 2012 das Bundesverdienstkreuz.

Schulleiter Jörg Balke merkte an, dass der Abstand zu den Ereignissen bereits drei Generationen betrage. „Es war die Generation der Urgroßväter und Urgroßmütter, die vielfach weggeschaut hat.“ Aus Tempelhof und Schöneberg wurden mehr als 6000 Menschen deportiert. „Was bleibt, ist die Verantwortung“, betonte Balke. „Schaut genau hin, wenn heute Ungerechtigkeit, Fremdenfeindlichkeit und die Ablehnung von Minderheiten wieder Einzug in den Alltag halten, ob auf der Straße oder in den sozialen Netzwerken.“

Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) zog Parallelen zwischen der Flucht der Juden und den heutigen Fluchtbewegungen. Es sei wichtig, dass es Länder gebe, die die Flüchtenden aufnehmen. „Das lehrt uns die Geschichte.“ Allerdings sei die heutige Flüchtlingskrise eine Krise der Weltpolitik, in der Macht- und Wirtschaftsinteressen es unmöglich machten, dass die Vereinten Nationen im syrischen Bürgerkrieg friedenstiftend intervenieren könnten, meinte Schöttler.

Auch an anderen Orten im Bezirk wurden Gedenkfeiern abgehalten, so am 25. Januar an den Stolpersteinen vor dem Haus in der Pallasstraße 12. Auf Initiative des Schöneberger Dokumentarfilmers Bertram von Boxberg erinnerten Teilnehmer an die Familie Borchardt, die 1942 von den Nazis ausgelöscht wurde. KEN
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