Henry F. Urban hat vor gut 100 Jahren Berlin "entdeckt"

Wohnungsbau an der Schöneberger Luitpoldstraße um 1900; im Hintergrund ist der Turm der Apostel-Paulus-Kirche zu erkennen. (Foto: Michael Bienert/Archiv)

Schöneberg. Der Autor, Journalist und literarische Stadtführer Michael Bienert hat einen längst vergessenen Schriftsteller wiederentdeckt. Eine gelungene Überraschung.

"Die Entdeckung Berlins" könnte für alle, die die Hauptstadt lieben und entdecken wollen, zur vergnüglichen Lektüre werden. Der Autor, der seinerzeit angesehene Journalist und Erzähler Henry F. Urban (1862-1924), war ein 1887 in die USA ausgewanderter Berliner. Der Wahl-New Yorker gibt sich als Forschungsreisender, der einen unbekannten Völkerstamm erkundet. Er kommentiert das Gesehene und Erlebte mit schnörkelloser Komik und dem Gespür für die zündende Pointe.

Nach der Schiffspassage mit Ziel Hamburg, so schreibt Urban vor über 100 Jahren, müsse man "durch eine Unmenge Sand hindurch, um Berlin zu erreichen, und wenn man glücklich irgendwo angekommen ist, so erfährt man zu seinem Entsetzen, dass man in Charlottenburg ist oder in Schöneberg oder gar in einem ganz gewöhnlichen Dorf, das den Namen Wilmersdorf führt. Als New Yorker finde ich besonders eigenartig, dass es Berlin genau genommen gar nicht gibt, sondern nur einen Haufen von Dörfern, der Berlin heißt."

Henry F. Urban durchstreift die aufstrebende Metropole des deutschen Kaiserreichs. Berlin sei als "gewaschenes, gestärktes und gebügeltes New York" schöner als dieses, "wiewohl keine schöne Stadt an sich". "Berlin ist reicher an schönen Einzelheiten". So findet Henry F. Urban "manche Straße im Bayerischen Viertel mit ausgeprägter neudeutscher und zugleich feiner Häuser-Architektur".

Er besucht Restaurants, Cafés und Konditoreien, mustert Berlin als Geschäftsstadt, prüft die Fortschrittlichkeit, schwärmt von der "Romantik des Müllschluckers", macht einen Neujahrsbummel unter den Linden, genießt das Theaterleben, unterscheidet zwischen "Alltags- und Sonntags-Berliner", entdeckt das "amerikanische Berlin" und die Berlinerinnen, porträtiert Dienstmädchen und Witwen und geht sogar auf Wohnungssuche.

Das "Berliner Tagblatt" lobte Henry F. Urban für die "kinematographische Fixheit" seines Erzählstils. "Er vereinigt in sich deutsches Gemüt und deutschen Humor mit grotesker, oft überwältigend wirkender amerikanischer Komik" schrieb der "Generalanzeiger für Leipzig". Diese interessanten Einzelheiten und ausgiebige biografische Informationen über Urban hat der Herausgeber Michael Bienert zusammengetragen. Sie ergänzen die Original-Texte, die 1910 in einer Artikelserie im "Berliner Lokal-Anzeiger" abgedruckt wurden und 1911 als Buch erschienen.

Dank gebührt dem kleinen Pankower Verlag für Berlin-Brandenburg, der "Die Entdeckung Berlins" nun neu aufgelegt hat.

Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins. Verlag für Berlin-Brandenburg. ISBN: 978-3-942476-96-6, 18,99 Euro.

Karen Noetzel / KEN
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