Über zwei Jahre bis zur Ausschreibung der Stolperstein-Koordinierungsstelle

Wer mit Stolpersteinen an Opfer des Naziregimes erinnern will, muss auf eine Verlegung bis zu zwei Jahre warten. (Foto: KEN)

25 Monate sind verstrichen, bis die Besetzung der Koordinierungsstelle für die Verlegung von Stolpersteinen im Bezirk ausgeschrieben wurde. Geradezu kafkaesk sei das, urteilen die Bündnisgrünen. Die Gedenkkultur werde „verstolpert“.

Bereits im Februar 2015 hatte die Bezirksverordnetenversammlung die Einrichtung der Stelle für die Verlegung der kleinen Bodendenkmäler zu Ehren jüdischer und anderer Opfer des NS-Regimes beschlossen. Es vergingen weitere vier Monate, bis das Amt für Weiterbildung und Kultur die Ausschreibung beantragte.

Weil aber nicht geklärt worden war, welche Gehaltsstufe für die Stelle eines Stolperstein-Koordinators gelten soll, wurden weitere zwei Jahre mit Diskussionen verbracht – mit dem Ergebnis einer Bewertung nach „EG 6“, was etwa 2300 Euro brutto entspricht. „Diese Bewertung empfand das Amt für Weiterbildung und Kultur im Vergleich zu den fachlichen Erfordernissen für zu gering“, sagt Kulturstadträtin Jutta Kaddatz (CDU). Es ist durchaus eine anspruchsvolle Arbeit, die Organisationstalent, Fremdsprachenkenntnisse und historisches Fachwissen erfordert.

Es half nichts. Die Abteilungen Personal und Finanzen im Ressort von Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) beharrten auf EG 6. Das Anforderungsprofil erfuhr eine Neuüberarbeitung. Die Stelle wurde schließlich ausgeschrieben. Bewerber konnten sich bis 3. November melden. 20 Bewerbungen sind eingegangen. Sie werden derzeit ausgewertet.

Vom 15. Februar 2016 bis zum 30. September dieses Jahres hatte Ursula Reimer vertretungsweise die Aufgaben als Koordinatorin übernommen. Ihren Vertrag hat die Verwaltung nicht verlängert. Zwar haben Bezirksamt und Personalrat vereinbart, erneut einen Antrag auf eine befristete Einstellung zu stellen, bis das Besetzungsverfahren abgeschlossen ist. Aber ein Ergebnis liegt hier noch nicht vor, und Stellenbesetzungen im Bezirk dauern gut und gerne bis zu anderthalb Jahre. Aufgrund der Vakanz können vermutlich bis Ende 2018 keine Verlegetermine geplant werden.

Derweil harren 168 Steine ihrer Verlegung. „44 sind Bestellungen von Familienangehörigen. Weitere 124 wurden von Interessierten bestellt, die in der Regel ihrer ehemaligen Hausbewohner gedenken wollen“, erläutert Stadträtin Kaddatz. Allein seit Oktober sind 17 weitere Wünsche eingegangen. In diesem Jahr wurden bisher 32 Stolpersteine verlegt. Höchstens 40 Verlegungen pro Jahr sind in Tempelhof-Schöneberg möglich. Angehörige und Interessierte müssen Wartezeiten von anderthalb bis zwei Jahren in Kauf nehmen.

Das Agieren der Verwaltung hat nicht nur bei der „Initiative Stolpersteine“ tiefe Enttäuschung hinterlassen. Die bündnisgrüne Verordnete Elisabeth Kiderlen mahnt: „Beim Festhalten an der Erinnerungskultur darf es gerade angesichts der zunehmenden antisemitischen, rassistischen und homophoben Attacken auch in unserem Bezirk keine Auszeit geben.“
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