Von Schöneberg aus gelangte Ohropax vor 110 Jahren in die ganze Welt

Als "bestes Nervenberuhigungsmittel" vermarktete Apotheker Max Negwer seine Geräuschschützer. (Foto: Ohropax)
 
Erfinder Maximilian Negwer auf einem Foto aus dem Jahr 1908. (Foto: KEN)
Berlin: ehemalige Firma Ohropax |

Schöneberg. Maximilian Negwer muss ein gebildeter Mann gewesen sein. Der Apotheker las in seiner freien Zeit Homer. Die Lektüre bereitete ihm nicht nur geistiges Vergnügen. Sie inspirierte ihn auch zu einer segensreichen Erfindung: Ohropax.

Die Odyssee soll es gewesen sein, die Negwer zur Herstellung dieser kleinen, ruhestiftenden Ohrstöpsel anregte. Für den genialen Namen kombinierte er das deutsche Wort Ohr mit dem lateinischen Pax für Frieden.

„Die Sirenen sitzen auf grasigen Auen und wollen mit tönenden Liedern Zauber verbreiten; doch liegen daneben in Menge auf Haufen faulende Menschen, Knochen und schrumpfende Häute an ihnen. Treibe da eilig vorbei! Nimm Wachs vom Honig und knet es, stopfe damit den Gefährten die Ohren! Es darf von den andern auch nicht ein einziger etwas vernehmen“, heißt es im zwölften Gesang der Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus.

1907 gründete Maximilian Negwer, damals 35 Jahre alt, in der Bülowstraße 56 seine „Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten“. "Die Räume in der dritten Etage im letzten Hof des Komplexes waren angemietet und hatten eine Größe von insgesamt etwa 76,5 Quadratmetern", erzählt Gründerenkel Michael Negwer, der heute das Familienunternehmen führt.

Leider gibt es keine Fotos mehr von dem damals großen, modernen Fabrikgebäude. Der Einzug fand am 1. November 1907 statt. Sein Gewerbe habe der Großvater bei der königlichen Direktion für die Verwaltung der direkten Steuern in Berlin am 22. November angemeldet, weiß Michael Negwer.

Neben Inhaber Maximilian Negwer gab es anfangs noch drei weitere Mitarbeiter, ein Kontorfräulein, einen Buchhalter und eine Arbeiterin. „Viele Herstellungsarbeiten, aber auch die Reisetätigkeit in Berlin und der Umgebung nahm mein Großvater selbst vor“, so Michael Negwer. „Im Verkaufsprogramm der jungen Firma befanden sich bald an die 100 Produkte, teils Handelswaren und teils Eigenentwicklungen, meist jedoch Eigenherstellungen von zeitgemäßen Rezepturen aus dem pharmazeutischen und kosmetischen Bereich sowie Parfums“, berichtet der Enkel.

Die Geräuschschützer, mit Vaseline und Bienenwachs getränkte Wattekugeln, aber wurden sein Hauptprodukt. Sie waren in Sanitätsgeschäften und Kaufhäusern erhältlich. Ein Blechdöschen mit sechs Paar Wachskugeln kostete eine Goldmark, was heute etwa 5,72 Euro entspricht. Einige Jahre später schrieb Frank Kafka über den „Ohr-Frieden“ an seine damalige Verlobte Felice Bauer: „Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht.“

Zum bekannten Massenartikel wurde Ohropax jedoch erst im Ersten Weltkrieg. 1916 hatte das Militär die kleinen Kugeln eingeführt. Maximilian Negwer lieferte Armeedosen mit „Ohropax-Geräuschschützern gegen die Schallwirkung des Kanonendonners“.

1924 verlegte er seine Fabrik nach Potsdam. Ohropax wurde die bekannteste Marke für Gehörschutz und in 42 Länder exportiert. 1943 starb Apotheker Negwer. Seine Frau Erna übernahm die Geschäfte. 1958 wurde die Firma in Potsdam zum „Volkseigenen Betrieb“ (VEB). Die Gründerfamilie zog nach Frankfurt am Main, dann nach Bad Homburg. Die Leitung der Firma übernahm Maximilian Negwers Sohn Wolfgang.

Heute ist der Familienbetrieb in Wehrheim im Taunus ansässig. Firmenchef und Gründerenkel Michael Negwer produziert mit rund 35 Mitarbeitern jährlich über 30 Millionen der klassischen Stöpsel aus Wachs sowie weitere Gehörschutzprodukte sowie Gesundheitsartikel. KEN
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