Vor 60 Jahren starb Gottfried Benn in Schöneberg

Gottfried Benns Wohnhaus 1937 bis 1956 in der Bozener Straße 20. (Foto: KEN)
 
Bildnis Gottfried Benns nach einer Sondermarke der Bundespost Berlin aus dem Jahr 1986. (Foto: KEN)
Berlin: Wohnhaus Gottfried Benn |

Schöneberg. Erst spät hatte er die widerspenstigen Enden seines Lebensfadens verknüpft. Das eine war die Kunst, das andere der Brotberuf als Arzt. Vor 60 Jahren ist der Schriftsteller Gottfried Benn in Schöneberg gestorben.

Kaum ein Dichter hat mit seinem Werk so fasziniert, so erschüttert, so provoziert wie der 1886 in der Westprignitz in einer Pfarrersfamilie geborene Gottfried Benn. Ausgehend von Nietzsche und dem Expressionismus bricht er in seinen frühen Gedichten mit der konventionellen Lyrik. Er taucht ein in die Wirklichkeit von Krankenhaus und Leichenschauhaus: „Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster zwischen die Zähne geklemmt. Als ich von der Brust aus unter der Haut mit einem langen Messer Zunge und Gaumen herausschnitt, muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt in das nebenliegende Gehirn.“ (Kleine Aster, Morgue I-IV, 1912).

Benn kennt sich aus. Nach dem Abitur in Frankfurt an der Oder, Medizinstudium in Berlin und Promotion ist der ausgebildete Militärarzt Assistenzarzt in der Pathologie am Krankenhaus Westend. 1917 eröffnet er seine erste eigene Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Belle-Alliance-Straße 12, heute Mehringdamm 38. Dazu gehört eine Wohnung. Dennoch mietet er für seine Frau, die acht Jahre ältere Schauspielerin Edith Osterloh, Künstlername Eva Brandt, und die Tochter Nele, eine „Familienwohnung“ in der Passauer Straße in Schöneberg. Benn braucht Ruhe zum Schreiben. Ihm werden auch viele erotische Abenteuer nachgesagt.

Der Arztberuf wird ihm zur Last. „Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, daß man heulen könnte.“ 1928 wird Gottfried Benn in den PEN-Club Berlin aufgenommen, 1932 in die Preußische Akademie der Künste gewählt.

Hitlers Machtübernahme begrüßt er zunächst. Nach dem Röhm-Putsch 1934 erkennt er aber seinen Irrtum. „Ich lebe mit vollkommen zusammengekniffenen Lippen, innerlich und äußerlich.“ 1935 gibt Benn seine Praxis auf und tritt wieder in den Dienst der Armee. „Es ist eine aristokratische Form der Emigrierung.“

Nach seiner Versetzung nach Berlin 1937 mietet Gottfried Benn eine Wohnung in der Bozener Straße 20. Im Jahr darauf heiratet er zum zweiten Mal. Seine erste Frau war 1922 gestorben. Das Nazi-Regime erteilt ihm Schreibverbot.

1943 nach Landsberg an der Warthe abkommandiert, kehrt Benn erst 1945 nach Schöneberg zurück. „Im letzten Augenblick aus L. entkommen über Stock und Stein, im offenen Viehwagen bei 10 Grad Kälte, ...Dann die Angriffe hier, der vom 3 II. war schauerlich. Auf den Bayerischen Platz allein kamen 9 Volltreffer...; hier kein Gas, kein Wasser, kein Telefon, nichts zu Essen.“ Am Tag von Hitlers Selbstmord besetzen die Russen die Bozener Straße. Seine zweite Frau Herta, die aufs Land evakuiert wurde, nimmt sich aus Angst vor der heranrückenden Roten Armee das Leben. „Nichts in meinem Leben hat mich so getroffen, so tief getroffen wie dieser Tod“, schreibt Gottfried Benn in einem Brief.

Benn heiratet im Dezember 1946 ein drittes Mal. Ilse Kaul ist 27 Jahre jünger und führt eine eigene Zahnarztpraxis. „Es ist von beiden Seiten eine ausgesprochene Liebesheirat“, vermerkt der Schriftsteller, der selbst wieder eine Praxis eröffnet und ab 1948, nach Aufhebung seines Publikationsverbots, ein literarisches Comeback erlebt. 1951 wird er mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt. Am 7. Juli 1956 erliegt Gottfried Benn einem Krebsleiden. Er ist auf dem Waldfriedhof Dahlem in einem Ehrengrab des Landes Berlin beigesetzt. KEN
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